Die Not wächst schneller als die Geldspenden

Frankfurt am Main (epd). Syrien, Irak, Südsudan oder Jemen: In rund 40 Ländern toben Kriege, mehr als 65 Millionen Menschen sind auf der Flucht. Auch Dürren, Überschwemmungen und Erdbeben bringen Not und Elend über weite Landstriche. Weltweit zählen die Vereinten Nationen 130 Millionen Menschen, die auf humanitäre Hilfe angewiesen sind - mehr denn je seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Und es dürften noch mehr werden. Dabei fehlt der Weltorganisation jetzt schon Geld. 

21 Milliarden US-Dollar (knapp 19 Milliarden Euro) veranschlagen die UN allein in diesem Jahr für humanitäre Hilfe, erst 7 Milliarden sind auf ihrem Konto eingegangen. Dabei ist das Geld nur fürs Nötigste: Planen für Zelte oder Behelfsdächer, Decken für kalte Nächte, Lebensmittel, Wasser, ein paar Medikamente. UN-Nothilfekoordinator Stephen O'Brien warnt, die Not wachse weltweit viel schneller als Gelder der Regierungen eingingen. 

Für die Menschen in Syrien, deren Leid sich auch durch die Bilder aus dem umkämpften Aleppo einbrennt, benötigen die UN in diesem Jahr 3,2 Milliarden US-Dollar. Erhalten haben sie erst 22 Prozent davon. Das UN-Flüchtlingskommissariat (UNHCR) kalkuliert 2016 mit 580 Millionen US-Dollar, verbucht sind erst 38 Prozent. 

In Deutschland sammelt die UN-Flüchtlingshilfe mit Sitz in Bonn Spenden für das UNHCR. 2015 überwies sie 20 Millionen Euro nach Genf. "Ein Tropfen auf den heißen Stein", wie Sprecher Dietmar Kappe dem Evangelischen Pressedienst (epd) sagt. Die Folgen halbleerer Kassen seien gravierend. Als das UNHCR 2014 die Nahrungsmittel in den Lagern für syrische Flüchtlinge im Libanon und in Jordanien kürzen musste, war das für Kappe der letzte Auslöser für den Flüchtlingstreck nach Westeuropa. "Es gibt so viele Krisenherde auf der Welt. Die vorhandenen Mittel stehen dazu in keinem Verhältnis", sagt er.

Caritas International sieht vor allem die Menschen jener Regionen oder Konflikte als Verlierer, über die Europa wenig erfährt. Das Spendenaufkommen etwa für die Opfer des Kriegs im Kongo sei bei der Caritas "gleich null", sagt der stellvertretende Leiter Christoph Klitsch-Ott. Insgesamt steige aber die Spendenbereitschaft in Deutschland, besonders für den Irak und Syrien. 

Gespendet wird vor allem, wenn Konflikte sichtbar und Leid nachvollziehbar ist. Für 2015 verzeichnete das Deutsche Zentralinstitut für Soziale Fragen (DZI), das unter anderem Spendensiegel an deutsche Hilfswerke vergibt, 117 Millionen Euro für die internationale Flüchtlingshilfe und 116 Millionen Euro für die Opfer des Erdbebens in Nepal vom April 2015. "Die Spendenbereitschaft für die Flüchtlingssituation ist erheblich", erklärt die Leiterin der DZI-Spendenberatung, Christel Neff.

Dazu trägt auch die Berichterstattung in den Medien bei. Bilder wie das des verletzten Jungen Omran in einem Krankenwagen in Aleppo, aber auch die gute wirtschaftliche Situation in Deutschland und eine Professionalisierung der Hilfsorganisationen lassen das Spendenvolumen wachsen.

Wird dagegen über einen Krisenherd wenig berichtet, können selbst sonst vielversprechende Briefsendungen an Spendenwillige nicht viel ausrichten, erläutert Birte Steigert vom Bündnis "Aktion Deutschland Hilft". "Das geht Hand in Hand. Im gewissen Sinne sind wir von der Berichterstattung über die Not der Menschen abhängig", sagt sie.

Das gilt auch für die nächsten sich abzeichnenden humanitären Krisen. Im Kampf um die IS-Hochburg Mossul im Irak stellen sich die UN bereits auf 1,2 Millionen Flüchtlinge ein. Schon die Kämpfe in den Ortschaften vor Mossul werden von einigen Medien begleitet. 

Weniger Bilder kommen dagegen aus dem größten Flüchtlingslager der Welt im nordkenianischen Dadaab mit rund 300.000 Menschen. Bis November will die Regierung in Nairobi das Lager schließen. "Macht Kenia die Ankündigung war, werden die Menschen versuchen, woanders unterzukommen", sagt Steigert. Für das UNHCR entsteht eine unüberschaubare Situation. Und das heißt auch: weitere Not und Bedarf an Hilfe und Spenden.