An der Seite der Opfer, auf der Suche nach den Tätern
Über 30 Jahre lang fungierte Memorial als eine Art Gewissen der russischen Gesellschaft. Mittlerweile ist die Organisation in Russland verboten. Ob der Friedensnobelpreis den Aktivisten zu neuem Aufschwung verhilft, ist fraglich.
Frankfurt a. M. (epd). Am Anfang stand eine Gruppe von Dissidenten und jungen Enthusiasten. Sie wollten nach dem Beginn von Michail Gorbatschows Reformpolitik eine ehrliche Aufarbeitung der sowjetischen Geschichte anstoßen. Mit den Jahren erwuchs daraus die wohl renommierteste Menschenrechtsbewegung auf dem Gebiet der früheren Sowjetunion. Memorial wurde schon lange für den Friedensnobelpreis gehandelt. Nun erhalten die Aktivistinnen und Aktivisten die Auszeichnung zusammen mit dem belarussischen Menschenrechtler Ales Bjaljazki und dem Center for Civil Liberties aus der Ukraine - zu einem Zeitpunkt, wenn die Dachorganisationen der Bewegung in Moskau bereits verboten sind.
Schon seit einigen Jahren war klar, dass die derzeitige russische Führung im Land keinen Platz mehr für Memorial sah. Im Frühjahr 2022 hatte Russlands Oberster Gerichtshof die behördlich verfügte Zwangsauflösung bestätigt. Bereits 2009 war Natalja Estemirowa, die Leiterin des regionalen Memorial-Zentrums in der russischen Teilrepublik Tschetschenien, von bis heute unbekannten Tätern entführt und ermordet worden. Später wurden die Menschenrechtler ein frühes Opfer des dubiosen russischen „Auslandsagenten-Gesetzes“, das Organisationen mit ausländischer Finanzierung für tatsächliche oder vermeintliche politische Aktivitäten brandmarkt.
Zwar erhielten einige Projekte von Memorial noch bis in die jüngste Vergangenheit weiter Fördermittel aus öffentlichen russischen Haushalten. Doch zeitgleich kam es immer häufiger zu Hausdurchsuchungen, dubiosen Strafverfahren gegen einzelne Aktivisten und mutmaßlich orchestrierten öffentlichen Anfeindungen.
Für Memorial wäre eine frühere Auszeichnung mit dem Friedensnobelpreis besser gewesen, glaubt Jens Siegert, Publizist und Berater des Vorstands von Memorial International: „Dann hätte er vielleicht noch etwas bewirken können.“ Aber nicht einmal das wäre garantiert gewesen, wie das Beispiel des Vorjahres-Preisträgers Dmitri Muratow zeige. Dessen oppositionelle Zeitung „Nowaja Gaseta“ musste 2022 nach dem russischen Angriff auf die Ukraine ebenfalls das Erscheinen einstellen.
Am Anfang von Memorial ging es den Aktivisten vor allem um eine Aufarbeitung des Staatsterrors der Stalin-Ära. Kaum eine sowjetische Familie war von den Massenrepressionen verschont geblieben. Doch was den Menschen in den Straflagern angetan wurde, blieb noch Jahrzehnte nach Stalins Tod ein Tabu.
Gegen erhebliche Widerstände der Sowjetbürokratie kämpften die Gründer von Memorial um den Friedensnobelpreisträger Andrej Sacharow für eine offizielle Registrierung, die die Behörden erst kurz nach dem Tod des Atomphysikers gewährten. Dass in Moskau seit 1990 direkt neben der Geheimdienst-Zentrale ein schwerer Gedenkstein von den Solowezki-Inseln im Weißen Meer an die unzähligen Opfer des „Archipels Gulag“ erinnert, ist eines der frühen Verdienste von Memorial.
In Archiven fahndete Memorial akribisch nach dem Schicksal deportierter Sowjetbürger und etablierte mit dem Projekt „Letzte Adresse“ Gedenktafeln an deren Wohnhäusern - ein Pendant zu den deutschen Stolpersteinen. Doch damit wollten sich die Aktivisten nicht begnügen. „Es ist zu wenig, die Ermordeten und Gequälten zu bedauern“, mahnte der verstorbene Historiker und Memorial-Mitbegründer Arseni Roginski. „Lasst uns endlich versuchen aufzuklären, wer das getan hat und warum.“
Schon dieses Verständnis von Vergangenheitsbewältigung fassten Teile der russischen Elite als Kampfansage an. Mehr noch galt das für die Menschenrechtsarbeit, die im Netzwerk der Memorial-Organisationen mit der Zeit immer mehr an Bedeutung gewann. Der Einsatz für Kriegsopfer in Tschetschenien oder für die wachsende Zahl politischer Gefangener im modernen Russland machte Memorial in den Augen des Staates zum Feind.
Selbst die Auflösung der Memorial-Organisationen bedeute nicht einen völligen Schlussstrich, sagt Jens Siegert. Das Menschenrechtszentrum Memorial habe sich nach dem Verbot informell neu gegründet, deshalb sei der Friedensnobelpreis auch nicht nutzlos: „Die Leute arbeiten weiter, außerhalb Russlands, aber auch innerhalb - dort unter großem persönlichen Risiko.“ Jede Unterstützung, insbesondere eine so prominente, sei deshalb willkommen.