Der Garten des Senegal zwischen Krieg und Frieden

Dakar (epd). Toumboul Sané will in sein Dorf im Süden des Senegal zurück. Dafür verhandelt der 58-Jährige eigenmächtig mit den Rebellen, die ihn und alle anderen Dorfbewohner vor 26 Jahren verjagten. "Ich will einfach wieder meinen Boden beackern", sagt der kleine, stämmige Mann. Er ist Vorsitzender einer Initiative der Chefs vertriebener Dörfler in der Casamance. 

Seit 35 Jahren dauert der Konflikt in der Region an. Tausende Menschen starben, Zehntausende wurden in die Flucht getrieben. Rebellen kämpften für die Unabhängigkeit der Casamance. Verstreute Minen beeinträchtigen Schätzungen zufolge bis heute das Leben von 100.000 Menschen. Der Konflikt hat die Touristen verscheucht. Viele Felder liegen brach. 

Dank dem subtropischen Klima sollte die Casamance eigentlich der Garten des Senegal sein, aber die Bewohner gehören zu den ärmsten des Landes. Knapp die Hälfte der 16 Millionen Senegalesen lebt in Armut. Laut dem UN-Flüchtlingshilfswerk suchten rund 16.000 Menschen aus der Casamance in den benachbarten Ländern Gambia und Guinea-Bissau Zuflucht.

"Es war der 5. März 1991, um 2 Uhr in der Früh. Die Rebellen kamen und setzten unsere Häuser in Brand", erinnert sich Sané. "Sie hatten uns mehrmals gewarnt. Aber wohin sollten wir gehen? Im Dorf hatten wir Reisfelder sowie Mango- und Orangenbäume", seufzt er schwer. Der Familienvater fand schließlich Zuflucht bei einem Onkel in Ziguinchor, der Großstadt der Region. Er lebt mit acht weiteren Familienmitgliedern in einem Haus mit drei Zimmern. Die Ziegen leben unter demselben Dach, das noch dazu undicht ist. "Bis heute leiden wir unter der Vertreibung."

Die Vertrieben gehen seit ein paar Jahren in ihre alten Dörfer zurück. "Wir erleben eine Ruhephase", erklärt Ndyèye Diédhiou Thiam, Koordinatorin der Frauen-Plattform für Frieden in der Casamance. Seit drei Jahren ruhen die Waffen, auch die Raubüberfälle haben abgenommen. Aber sie warnt: "Es ist weder Krieg noch Frieden."  

2013 wurde die Minenräumung gestoppt, nachdem einige Mitarbeiter von Rebellen als Geiseln genommen worden waren. Sie waren den Posten der Aufständischen zu nahe gekommen. Seitdem passiert nicht mehr viel in Sachen Entminung. 

"Wir müssen einen Kompromiss mit den Rebellen finden, der das Zusammenleben erlaubt," sagt Sané entschieden. Es geht darum, eine rote Linie festzulegen, "bis wohin wir gehen dürfen. Ich will den Zugang zu meinen ehemaligen Reisfeldern erreichen," erklärt er. Ein letztes Treffen gab es im Juli 2016, es hat ihn optimistisch gestimmt. "Die Rebellen haben ihre Uniformen abgelegt, und sie haben versprochen, die unkontrollierten Elemente besser zu überwachen."

Doch unter dem Strich fühlen sich die Familien im Stich gelassen: "Die Organisationen, die uns einst halfen, tun es nicht mehr", sagt Sané. Ohne ein Hilfegesuch der Regierung können auch die Vereinten Nationen nichts für die Vertriebenen tun. Der Druck, den die Flüchtlinge ausüben, um in ihre Dörfer zurückzugehen, ist der Regierung gerade recht. Denn er bringt die Rebellen in eine Zwickmühle. Sie können nicht weiter kämpfen, wenn sie Sprachrohr der Bevölkerung sein wollen. 

Sané ist Zweckoptimist. Stolz zeigt er den kleinen Garten, den er dem überall herumliegenden Müll in Ziguinchor abgerungen hat. Es ist eine Baumschule. "Ich habe nun schon 60 Setzlinge von Palmen und Guavenbäumen. Bald bin ich zu Hause," sagt er lächelnd.

In der Siedlung Boffa ergriff der Dorfchef Dasilva die Initiative. "2010 kam ich mit meinem Bruder zurück", sagt er. "Am Anfang waren wir nur tagsüber im Dorf, der Busch hatte alles überwuchert. Als wir das erste Haus wiederaufgebaut hatten, kamen die Rebellen. Sie fragten, ob wir etwa denken, dass Frieden herrscht?" Trotz der Drohung blieben die Brüder. Nun sind Reisfelder angelegt und ein Viertel des ehemaligen Dorfes ist wieder aufgebaut. Und das, obwohl die versprochenen Lkw mit Baumaterialien nie ankamen.

Das Zusammenleben auf engem Raum schafft Konflikte. Aber weiter in den Wald vorzudringen, trauen sich die Dorfbewohner wegen der Rebellen und etwaiger todbringender Minen noch nicht. Auch in Sachen Vergangenheitsbewältigung steht noch vieles aus. "Die Opfer sprechen nicht, weil der Konflikt noch nicht zu Ende ist", sagt Ndyèye Diédhiou Thiam. 

Die Casamance liegt im äußersten Süden des Senegal. Knapp 1,9 Millionen der insgesamt 16 Millionen Senegalesen leben in dem Gebiet, das so groß wie Belgien ist. Die Casamance ist schwer erreichbar. Der direkte Weg von Norden führt durch das Nachbarland Gambia. Die Bewohner der Casamance gehören großteils zur Ethnie der Diolas. In der Region lebt auch eine große christliche Minderheit (17 Prozent). Im Durchschnitt bekennen sich 94 Prozent der Senegalesen zum Islam. 

1982 begann die "Bewegung der demokratischen Kräfte der Casamance" (MFDC) einen bewaffneten Kampf für die Unabhängigkeit der Region. Die Forderung fand Zustimmung in der Bevölkerung, die sich von der Zentralregierung vernachlässigt und diskriminiert fühlt. In den 90er Jahren wurde der Konflikt zunehmend gewalttätig. Die Rebellen der MFDC und die senegalesische Armee lieferten sich Kämpfe und streuten Landminen. Amnesty International beklagte schwere Menschenrechtsverletzungen wie Folter, Vergewaltigungen und Morde durch beide Konfliktparteien.

Seit drei Jahren ruhen die Kampfhandlungen. Bis heute gibt es jedoch noch keinen Friedensvertrag. In Teilen der Region liegen immer noch ungesicherte Landminen. Die Casamance zählt zu den ärmsten Regionen Senegals, wo knapp die Hälfte der Bevölkerung in Armut lebt. Der Konflikt hat den Tourismus zum Erliegen gebracht. Dank dem subtropischen Klima ist die Region Casamance fruchtbar. Cashews, Mangos und Guaven werden angebaut. Die Meeresküste und Mangroven sind reich an Fisch und Meeresfrüchten. Doch es fehlt an Infrastruktur.