Bundestag macht Weg frei für neuen Wehrdienst ab Januar 2026

Der neue Wehrdienst kommt, bleibt aber freiwillig. Der Bundestag beschloss am Freitag die Musterungspflicht für 18-jährige Männer ab 2026. Zudem müssen die jungen Männer einen Fragebogen ausfüllen. Dagegen regt sich Protest.

Berlin (epd). Der Bundestag hat am Freitag den Weg für den neuen Wehrdienst frei gemacht. Die Regelung sieht ab 2026 eine Musterungspflicht für junge Männer und das verpflichtende Ausfüllen eines Fragebogens vor. Der Dienst selbst bleibt freiwillig. 323 Abgeordnete stimmten nach Angaben des stellvertretenden Bundestagspräsidenten Omid Nouripour (Grüne) für das Paket, 272 dagegen. Es gab eine Enthaltung. Bundesweit demonstrierten Tausende Schülerinnen und Schüler gegen das neue Gesetz.

Das sogenannte Wehrdienstmodernisierungsgesetz sieht vor, dass ab 2026 alle 18-Jährigen ab dem Jahrgang 2008 ein Informationsschreiben von der Bundeswehr erhalten. Männer müssen einen Fragebogen ausfüllen, der unter anderem ihr Interesse an der Bundeswehr abfragt. Für Frauen ist das Ausfüllen des Fragebogens freiwillig. Auch die Musterung wird für 18-jährige Männer wieder Pflicht. Sollten sich nicht genug Freiwillige melden, kann der Bundestag eine sogenannte Bedarfswehrpflicht anordnen, die in einem zusätzlichen Gesetz geregelt werden muss.

Wehrdienst bleibt vorerst freiwillig

Der neue Wehrdienst dauert zwischen sechs und elf Monaten oder länger. Die Bundesregierung will die Attraktivität unter anderem mit einer monatlichen Vergütung von 2.600 Euro brutto und einem Zuschuss für den Führerschein steigern. Ziel ist es, den Personalbedarf der Bundeswehr möglichst passgenau zu decken. Sollten mehr geeignete Wehrpflichtige zur Verfügung stehen als benötigt werden, kann ein Zufallsverfahren zum Einsatz kommen. Der Bundesrat muss sich noch mit dem Gesetz befassen.

Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) betonte im Bundestag die Freiwilligkeit des Dienstes. „Dieser Wehrdienst ist freiwillig, und er bleibt es, wenn alles so gut läuft, wie wir uns das versprechen“, sagte er. Zugleich mahnte er zur Ehrlichkeit. Wenn sich nicht genug Freiwillige melden würden oder wenn sich die Bedrohungslage weiter so oder schlimmer entwickele, werde man um eine verpflichtende Teilwehrpflicht nicht herumkommen, sagte der SPD-Politiker.

Pistorius bezeichnet Schulstreiks als „großartig“

Die Schulstreiks gegen das Gesetz, zu denen bundesweit aufgerufen wurde, bezeichnete Pistorius als „großartig“. Sie zeigten das Interesse und Engagement der Schülerinnen und Schüler und dass sie „wissen, worum es geht“. Unter dem Motto „Schulstreik gegen Wehrpflicht“ waren für Freitag in rund 90 Städten Demonstrationen gegen das Gesetz angekündigt. Allein in Berlin versammelten sich mehr als 3.000 Demonstrierende in Kreuzberg, später am Nachmittag ist eine zweite Demonstration geplant.

Dem Gesetz zufolge soll die Bundeswehr 2026 zwischen 186.000 und 190.000 aktive Soldatinnen und Soldaten haben. Bis 2035 soll diese Zahl auf 255.000 bis 270.000 steigen. Zum Vergleich: Laut aktuellen Zahlen (Stichtag 30. November) hat die Bundeswehr etwa 184.330 aktive Soldatinnen und Soldaten.

Eine am Donnerstag veröffentlichte Umfrage des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) zeigt, dass nur 14 Prozent der 18- bis 28-Jährigen tatsächlich zur Bundeswehr gehen würden - obwohl sich 58 Prozent aller Befragten grundsätzlich für eine Wehrpflicht aussprechen.

Caritas lobt Entscheidung

Die Reaktionen auf den neuen Wehrdienst fallen gemischt aus. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) lehnte das Gesetz ab. „Pflichtdienste bedeuten immer einen starken Eingriff in die Entscheidungsfreiheit junger Menschen, gegen den wir uns klar positionieren“, sagte GEW-Vorsitzende Maike Finnern. Das Gesetz werde zum „Einfallstor in die Entscheidungsfreiheit der jungen Generation“, da es die Möglichkeit einer späteren verpflichtenden Heranziehung von Wehrpflichtigen vorsehe.

Der Deutsche Caritasverband begrüßte hingegen die Entscheidung. „Die Regierungsfraktionen beantworten nach langen Debatten die akuten sicherheitspolitischen und gesellschaftlichen Herausforderungen mit einem klaren Bekenntnis zu einem freiheitlichen Konzept“, sagte Caritas-Präsidentin Eva Welskop-Deffaa. Positiv bewertete sie, dass junge Menschen ab 2026 über alle Formen freiwilligen Engagements informiert werden und die Finanzmittel für Freiwilligendienste steigen.

Zum 1. Januar 2026 soll es losgehen mit dem neuen Wehrdienst - das hat der Bundestag am Freitag beschlossen. Der Evangelische Pressedienst (epd) gibt einen Überblick über die neue Regelung.

Wer bekommt bald Post von der Bundeswehr?

Los geht es 2026 mit dem Jahrgang 2008. Alle 18-Jährigen - Männer und Frauen - erhalten ein Informationsschreiben zum freiwilligen Wehrdienst. Für Männer ist das Ausfüllen eines Fragebogens verpflichtend, der unter anderem das Interesse an der Bundeswehr abfragt. Frauen können den Fragebogen freiwillig ausfüllen. Männer, die den Fragebogen nicht ausfüllen, erhalten eine zweite Aufforderung. Wird auch diese ignoriert, wird das als Ordnungswidrigkeit gewertet und es droht ein Bußgeld.

Wer muss zur Musterung?

Die Musterung wird ab 2026 wieder Pflicht für junge Männer. Allerdings müssen dafür erst die notwendigen Strukturen aufgebaut werden - laut Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) dauert das bis Mitte 2027. In der Anfangsphase werden zunächst die Männer gemustert, die zur Bundeswehr gehen wollen. Danach erfolgt die Musterung nach Geburtsdatum: Wer im Januar Geburtstag hat, ist früher an der Reihe als jemand mit Geburtstag im Dezember. Ab 2027 werden dann die nachfolgenden Jahrgänge einbezogen.

Gibt es Ausnahmen?

Ja, Wehrpflichtige können auf Antrag von der Musterung ausgenommen werden. Das betrifft zum einen junge Männer, die sich auf das geistliche Amt vorbereiten. Sie müssen ein theologisches Studium oder eine entsprechende Ausbildung nachweisen sowie eine Erklärung der zuständigen kirchlichen Behörde vorlegen. Zum anderen ist eine Ausnahme bei besonderer Härte möglich. Dies ist in der Regel der Fall, wenn die Versorgung der Familie oder hilfsbedürftiger Angehöriger gefährdet wäre, der Wehrpflichtige für einen eigenen Betrieb unentbehrlich ist oder die Einberufung eine laufende Ausbildung oder ein Studium unterbrechen würde.

Was ist mit sozialen Freiwilligendiensten?

Die sozialen Freiwilligendienste werden ausgebaut. Der Bund stellt dafür 2026 zusätzlich 50 Millionen Euro bereit, ab 2027 dann jährlich 80 Millionen Euro. Mit dem zusätzlichen Geld sollen etwa 15.000 neue Plätze geschaffen werden - zuletzt leisteten etwa 90.000 Menschen pro Jahr einen Freiwilligendienst. Die 18-Jährigen werden in dem Anschreiben mit dem Fragebogen auch über die Freiwilligendienste informiert.

Womit will die Bundeswehr potenzielle Wehrdienstleistende überzeugen?

Die Bundeswehr setzt vor allem auf finanzielle Anreize: Die monatliche Vergütung liegt bei rund 2.600 Euro brutto. Wehrdienstleistende können die Dauer ihres Dienstes selbst wählen - möglich sind Zeiträume zwischen sechs und elf Monaten oder länger. Ab zwölf Monaten Dienstzeit gelten sie als Zeitsoldaten und können einen Zuschuss für den Pkw- oder Lkw-Führerschein erhalten. Verteidigungsminister Pistorius ist zuversichtlich, dass sich genügend Freiwillige finden werden, um die Zielzahlen zu erreichen.

Was passiert, wenn sich nicht genug Freiwillige melden?

Für diesen Fall ist eine „Bedarfswehrpflicht“ vorgesehen. Der Bundestag kann diese anordnen, „insbesondere wenn die verteidigungspolitische Lage oder die Personalsituation der Streitkräfte dies erforderlich macht“, heißt es in dem Gesetz. Ziel ist es, den Personalbedarf der Bundeswehr möglichst passgenau zu decken. Sollten mehr geeignete Wehrpflichtige zur Verfügung stehen als benötigt werden, kann ein Zufallsverfahren zum Einsatz kommen. Wie das genau aussehen würde, müsste jedoch noch in einem eigenen Gesetz geregelt werden. Das Grundrecht auf Kriegsdienstverweigerung bleibt auch bei Einführung einer Bedarfswehrpflicht unberührt.

Wie viele Soldatinnen und Soldaten braucht die Bundeswehr?

Dem Gesetz zufolge soll die Bundeswehr 2026 zwischen 186.000 und 190.000 aktive Soldatinnen und Soldaten haben. Bis 2035 soll diese Zahl auf 255.000 bis 270.000 steigen. Zum Vergleich: Im Sommer 2025 hatte die Bundeswehr etwa 183.000 aktive Soldatinnen und Soldaten. Das Bundesverteidigungsministerium wird dem Bundestag künftig halbjährlich eine detaillierte Personalübersicht vorlegen.