Bertha von Suttner: Die "Friedensbestie" als Nobelpreisträgerin

hre politischen Gegner verunglimpften Bertha von Suttner als "Friedensbestie". Doch davon ließ sich die überzeugte Pazifistin nicht beeindrucken. Vor 120 Jahren, am 10. Dezember 1905, erhielt sie als erste Frau den Friedensnobelpreis.

Frankfurt a.M. (epd). Bertha von Suttner (1843-1914) gilt als geistige Mutter des Friedensnobelpreises. Die zeitweilige Privatsekretärin und langjährige Freundin von Alfred Nobel hatte ihn gedrängt, die Ehrung zu stiften. Und sie machte sich seit der ersten Verleihung 1901 Hoffnung, selbst geehrt zu werden. Doch es sollte vier Jahre dauern, bis es tatsächlich so weit war: Vor 120 Jahren, am 10. Dezember 1905, bekam die Pazifistin den Friedensnobelpreis, als erste Frau.

Die Preisverleihung war damals wie heute am Todestag des Stifters. Doch anders als heute wurden die Namen der Preisträger seinerzeit auch erst am 10. Dezember bekannt gegeben, wie Bjørn H. Vangen von der Bibliothek des norwegischen Nobelinstituts auf Anfrage des Evangelischen Pressedienstes (epd) erklärte.

Bertha von Suttner fehlte bei der Preisverleihung

Suttner jedenfalls war am Tag ihrer eigenen Ehrung nicht in Oslo. „Sie hatte zur damaligen Zeit nicht das Geld, nach Oslo zu kommen“, erläutert Vangen. Ihre Nobelvorlesung habe sie erst 1906 gehalten.

Geldsorgen waren der aus einem böhmischen Adelsgeschlecht stammenden Pazifistin durchaus vertraut. Geboren wird sie am 9. Juni 1843 als Gräfin Kinsky von Chinic und Tettau, ihr Vater stirbt 75-jährig kurz vor ihrer Geburt, ihre Mutter bringt das Familienvermögen am Roulettetisch durch. Mit 30 Jahren tritt Bertha eine Anstellung als Lehrerin für Musik und Sprachen beim Industriellen Freiherr Karl von Suttner in Wien an.

Arthur, der jüngste Sohn der Familie, und die sieben Jahre ältere Bertha verlieben sich, werden getrennt, heiraten am Ende heimlich. In dieser Zeit macht Bertha die Bekanntschaft des schwedischen Industriellen Alfred Nobel, mit dem sich eine enge Freundschaft entwickelt. Sie motiviert ihn, bei der Stiftung der Nobelpreise nicht nur wegweisende Erkenntnisse in den naturwissenschaftlichen Disziplinen zu honorieren, sondern auch Friedensbestrebungen.

„Die Waffen nieder!“ macht sie berühmt

Arthur und Bertha von Suttner ziehen nach der Hochzeit vorerst ins heutige Georgien, wo das kinderlose Ehepaar nur spärliche Einnahmen hat. Sie verfasst unter anderem seichte Herz- und Schmerzgeschichten, befasst sich aber auch mit Philosophie, soziologischen Schriften und mit dem Völkerrecht. Bertha von Suttner wird darüber zur politischen Journalistin, die entschieden gegen Krieg und damit gegen den nationalistischen und militaristischen Zeitgeist kämpft.

1889 erscheint ihr pazifistischer Roman „Die Waffen nieder!“. Mehrere Verlage weigern sich zunächst, den Roman wegen der drastischen Schilderung von Kriegsgräueln zu drucken. Das Werk macht die Autorin schlagartig berühmt. „Die Waffen nieder!“ erscheint bis 1917 in Übersetzungen in 16 Sprachen. Bertha von Suttner warnt fortan auf Friedenskongressen vor den Gefahren von Krieg und Militarismus, setzt sich für Abrüstung und Schiedsgerichte ein.

Empfang durch den US-Präsidenten

Als 1902 ihr Mann stirbt, muss Bertha von Suttner das gemeinsame, überschuldete Gut aufgeben und siedelt nach Wien um. 1904 empfängt US-Präsident Theodore Roosevelt sie während einer Vortragsreise durch die USA im Weißen Haus.

Die Vergabe des Friedensnobelpreises ein Jahr später an die damals 62-jährige Suttner war „eine Sensation“, wie Clara Perras sagt, Wissenschaftlerin im Bereich feministische Friedens- und Konfliktforschung beim Peace Research Institute Frankfurt. Bertha von Suttner sei zu dieser Zeit „schon sehr lange eine zentrale Symbolfigur der europäischen Friedensbewegung“ gewesen. Gleichwohl sei ihre Rolle „als Frau und Intellektuelle und sehr gesellschaftskritische Person“ damals „durchaus provokant“ gewesen.

Im „sehr konservativen Österreich“ wurde Suttner nach Perras' Einschätzung schon vor der Verleihung des Friedensnobelpreises stark kritisiert. „Da wurde sie beispielsweise als 'Friedensbestie' oder 'Rote Bertha' bezeichnet“, so Perras im epd-Gespräch. In Österreich sei die Vergabe des Nobelpreises dann auch verhalten aufgenommen worden. Aber: „Für die Friedensbewegung und für friedensbewegte Frauen war die Auszeichnung eine enorme Ermutigung“, unterstreicht Perras: „Ihre Worte und Visionen hatten nun durch diesen Preis noch mehr Gewicht.“

Forscherin: „Ursprung eines feministischen Pazifismus'“

„Interessant ist, dass Bertha von Suttner sich selbst nicht als Feministin bezeichnet hat“, sagt die Forscherin, obwohl deren Biografie zeige, „dass sie sehr stark gegen damalige Vorstellungen, wie Frauen zu leben haben, rebelliert hat“. Gleichwohl hält Perras die Ideen von Bertha von Suttner für „den Ursprung eines feministischen Pazifismus'“.

Den Ersten Weltkrieg konnten jedoch weder Suttner persönlich noch die Friedensbewegung verhindern. Die erste Frau, die den Friedensnobelpreis bekam, erlebte den Kriegsbeginn nicht mehr: Bertha von Suttner starb am 21. Juni 1914, wenige Wochen vor Kriegsbeginn, an Krebs. Die nächste Frau, die den Friedensnobelpreis erhielt, war 1931 die US-amerikanische Feministin und Journalistin Jane Addams. Bis heute bekamen 92 Männer und 20 Frauen die Auszeichnung.

Das Interview im Wortlaut:

epd: Inwiefern hingen für Bertha von Suttner die Gleichberechtigung der Frauen und der Weltfrieden zusammen?

Clara Perras: Bertha von Suttner verstand Gleichberechtigung und Frieden als zwei Seiten derselben gesellschaftlichen Transformation, für die sie sich eingesetzt hat. Aus ihrer Perspektive waren Krieg und Militarismus keine isolierten Ereignisse, die irgendwo „da draußen“ stattfanden, sondern Ausdruck tief verwurzelter, patriarchaler und ungerechter gesellschaftlicher Strukturen.

Wie Krieg Familien und Vertrauen zerstört

Dieses System des Militarismus hat sie verstanden als einen Spiegel für eine gesellschaftliche Ordnung, die auch Frauen ausschloss, ungerechte Hierarchien zwischen Geschlechtern reproduzierte und Gewalt als legitimes Mittel sozialer Kontrolle akzeptierte. Das wird auch in ihrem bekannten Roman „Die Waffen nieder!“ ganz gut deutlich, wo sie anhand der fiktiven Figur der Martha Althaus aufzeigt, wie Krieg das private und gesellschaftliche Leben durchdringt und zum Beispiel Familien und Vertrauen zerstört.

epd: War dieser Gedanke 1905 neu?

Perras: Die Ideen von Bertha von Suttner können wir heute als den Ursprung eines feministischen Pazifismus verstehen, der dann noch weiterentwickelt wurde. Interessant ist auch, dass Bertha von Suttner sich selbst nicht als Feministin bezeichnet hat, obwohl ihr feministische Prinzipien sehr nah waren und auch ihre Biografie zeigt, dass sie sehr stark gegen damalige Vorstellungen, wie Frauen zu leben haben, rebelliert hat. Aber sie selbst hat sich ganz klar und primär als Pazifistin verstanden und nicht als Feministin.

Preis für Suttner war Sensation

epd: Bertha von Suttner hat mit Alfred Nobel zusammengearbeitet und gilt als geistige Mutter des Friedensnobelpreises. Warum hat es dann vier Jahre gedauert, bis sie selbst ausgezeichnet wurde? Oder ist es eher verwunderlich, dass sie als Frau schon nach vier Jahren den Friedensnobelpreis bekam?

Perras: Zur damaligen Zeit war es aus meiner Sicht eine Sensation, dass sie bereits nach vier Jahren den Friedensnobelpreis erhielt. Sie war ja schon sehr lange eine zentrale Symbolfigur der europäischen Friedensbewegung und seit längerer Zeit sehr bekannt. Rückblickend lag es an mehreren Faktoren, dass es vier Jahre gedauert hat. Zum einen waren natürlich die frühen Nobelpreiskomitees eher männlich dominiert und konservativ geprägt. Zusätzlich war ihre Rolle als Frau und Intellektuelle und sehr gesellschaftskritische Person durchaus provokant.

Kritik in Zeiten, in denen viele den Krieg glorifizierten

Und ihre Schriften und Gedanken haben damals einfach sehr polarisiert: Einerseits bekam sie sehr viel Zuspruch, auf der anderen Seite aber eben auch sehr viel Kritik. In einer hochmilitarisierten Gesellschaft, in der der Krieg glorifiziert wurde, werte ich es schon eher als Sensation, dass sie als Frau angesichts militärischer Gewalt und patriarchaler Strukturen diese Auszeichnung schon nach vier Jahren bekommen hat.

epd: War Ihre Ehrung 1905 denn ein gesellschaftlicher Skandal?

Perras: Die Reaktionen gingen in sehr unterschiedliche Richtungen. In der internationalen Presse wurde sie viel gefeiert, als moralische Autorität, als Ikone des Friedens und als Stimme Europas gegen den Militarismus. Für die Friedensbewegung und für friedensbewegte Frauen war die Auszeichnung eine enorme Ermutigung, weil der Preis ihre Rolle als intellektuelle Vermittlerin verstärkte.

Hat viele Generationen von Aktivistinnen inspiriert

Ihre Worte und Visionen hatten nun durch diesen Preis noch mehr Gewicht, auch auf internationalen Kongressen, und sie hat auch viele Generationen von Aktivistinnen, auch feministischen Friedensaktivistinnen inspiriert. Beispielsweise sieht sich die 1915 gegründete Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit/Women's International League for Peace and Freedom auch in der Tradition von Bertha von Suttner.

Auf der anderen Seite gab es aber doch sehr verhaltene Resonanz, zum Beispiel aus dem sehr konservativen Österreich, wo sie ja gelebt hat, wo sie vorher auch schon sehr stark kritisiert wurde und es viel Unverständnis gab für ihre Gesellschaftskritik. Da wurde sie beispielsweise als „Friedensbestie“ oder „Rote Bertha“ bezeichnet. An ihrer Person und ihrer Ehrung mit dem Friedensnobelpreis wurde die Polarisierung der Gesellschaft also deutlich sichtbar.

epd: Bertha von Suttner ist schon weit über ein Jahrhundert tot. Gab es denn auch Punkte, wo sie ganz Kind ihrer Zeit war, wo sie heute überholt ist?

Perras: Insgesamt wirkt ihr Vermächtnis auf sehr vielen Ebenen fort. Viele, auch feministische Friedens- und Konfliktforscherinnen und -forscher, beziehen sich in ihren Analysen von Militarismus und Krieg auf Ideen von Bertha von Suttner. Auch ihre Ideen, wie internationale Ordnung aussehen kann, sind prägend. Die Idee von Schiedsgerichten, von europäischer Integration, aber eben auch diese erste Verbindung von Geschlechtergerechtigkeit und Frieden - das sind schon Dinge, die auf jeden Fall weiter fortbestehen und heute vielleicht sogar wieder aktueller denn je sind.

Fundament geschaffen

Auf der anderen Seite gibt es auch Komponenten Ihres Denkens, die aus heutiger Sicht erweitert werden müssen. Sie hat zum Beispiel in ihren Analysen sehr eurozentristisch argumentiert. Sie hat koloniale Kontinuitäten, Rassismus und Klassenverhältnisse nur am Rande thematisiert. Das sind aus einer intersektionalen feministischen Forschungsperspektive heute zentrale Komponenten, um auch tatsächlich die globalen Zusammenhänge von Gewalt, Krieg und Frieden zu verstehen. Diese Komponenten wurden vor allem von feministischen Friedensaktivisten und -aktivistinnen, Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen weiterentwickelt. Aber sie hat diesen Raum geöffnet und ein Fundament geschaffen, auf das heute immer noch aufgebaut wird.