Autorin: Frauenhass ernster nehmen
Frankfurt a.M. (epd). Die Autorin Veronika Kracher plädiert dafür, den Internet-Frauenhass der "Incel"-Bewegung ernster zu nehmen. "'Incels' wollen sich ihre verloren geglaubte Männlichkeit zurückholen, notfalls auch mit verbaler oder physischer Gewalt gegen Frauen", sagte Kracher dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Frankfurt am Main. Gewalt gegen Frauen sei ein strukturelles Problem der Gesellschaft. Die "Incels" seien Ausdruck einer Gesellschaft, in der die Abwertung des Weiblichen an der Tagesordnung sei. Krachers Buch "Incels. Geschichte, Sprache und Ideologie eines Online-Kult" ist am 6. November im Mainzer Ventil Verlag erschienen.
epd: Frau Kracher, was sind "Incels"?
Veronika Kracher: "Incels" ist die Kurzform für "involuntary celibates" - unfreiwillig im Zölibat Lebende. "Incels" beschreibt eine online-vernetzte Gruppe primär junger Männer, die glauben, als Mann ein Anrecht auf Sex zu haben. Dieses natürliche Recht werde ihnen verwehrt durch den Feminismus. Vor der sexuellen Emanzipation war nach "Incel"-Ideologie jedem Mann eine Frau zugedacht. Jetzt könne sich jede Frau ihren Geschlechtspartner selbst aussuchen. Bevorzugt von Frauen würden dementsprechend sehr maskulin auftretende Männer und für "Incels" blieben deshalb keine Frauen übrig. Ein weiteres Charakteristikum von "Incels" ist, dass sie sich selbst unmännlich fühlen, sich dementsprechend unattraktiv finden und auch Selbsttötungsabsichten äußern. Dieser Hass auf sich selbst mündet in einen extremen Frauenhass, weil nach "Incels"-Ideologie Frauen verantwortlich dafür sind, dass die "Incels" zölibatär leben müssen.
epd: Man könnte denken, dass "Incels" eine Randerscheinung im Internet und nicht weiter gefährlich sind?
Kracher: Ich plädiere dafür, Frauenhass generell ernster zu nehmen. "Incels" wollen sich ihre verloren geglaubte Männlichkeit zurückholen, notfalls auch mit verbaler oder physischer Gewalt gegen Frauen. Das beginnt bei Internet-Gewalt, geht über sexualisierte Belästigung und Beleidigung und hört auf bei Frauenmorden, die in der Presse euphemistisch "Beziehungsdrama" genannt werden. Nicht jeder Mann, der sich in "Incel"-Foren bewegt, ist ein potenzieller Gewalttäter. Aber die Atmosphäre dort verharmlost Gewalttaten. Gewalt gegen Frauen ist zudem ein strukturelles Problem. Die "Incels" sind Ausdruck einer Gesellschaft, in der die Abwertung des Weiblichen an der Tagesordnung ist.
epd: Viele "Incels" vertreten einen zynischen Nazi- und Herrenmenschen-Kult. Sind die meisten "Incels" Weiße?
Kracher: Nein, nur etwas 50 Prozent. "Ethnic Incels" behaupten, sie fänden keine Frau, weil Frauen vor allem weiße Männer favorisierten. Weiße "Incels" hingegen vertreten rassistisches Gedankengut und sind Gegner von gemischt-ethnischen Beziehungen. Die Bewegung ist sehr heterogen, doch der gemeinsame Nenner neben dem Antifeminismus ist der Antisemitismus. Denn schließlich sind es laut "Incel"-Wahn Juden gewesen, die den Feminismus erfunden haben, um die vermeintlich natürliche Ordnung zwischen Männern und Frauen zu zerstören.