Als der Terror nach Franken kam
Würzburg/Ansbach (epd). Es ist ein schwüler Abend in Würzburg, der Beginn der bayerischen Sommerferien nahe, als das Unfassbare geschieht: Ein 17 Jahre alter Afghane greift am 18. Juli 2016 gegen 21.15 Uhr in einem Regionalzug bei Würzburg mehrere Fahrgäste mit einer Axt und einem Messer an und verletzt sie dabei zum Teil schwer. Bei seiner Flucht vor der Polizei wird er erschossen. Nur sechs Tage später sprengt sich in Ansbach ein 27-jähriger Syrer vor einem Open-Air-Musikfestival in die Luft. Er verletzt 15 Menschen und stirbt. In beiden Fällen ist schnell klar: Die Taten sind islamistisch motiviert. Der Terror ist auf dem Land angekommen.
Der Schrecken in Würzburg war noch ganz frisch, als Ermittler erste Anzeichen dafür fanden, dass sich der 17-Jährige selbst radikalisiert hatte - im Internet. Dort soll er Kontakt mit der Terrormiliz "Islamischer Staat" gehabt haben, zumindest fanden die Behörden in seinem Zimmer im Haus seiner Pflegefamilie im Landkreis Würzburg eine handgemalte IS-Flagge. Nur wenig später entdecken die Behörden ein Bekennervideo des jungen Mannes im Internet. Als gesichert gilt, dass er sich selbst im Netz radikalisiert hat, angeblich um sich an "den Ungläubigen dafür zu rächen, was sie ihm und seinen Glaubensbrüdern angetan haben".
Mitten in diese heiße Ermittlungsphase platzen am Abend des 22. Juli, also nur knapp vier Tage später, die Meldungen von einer Schießerei in München. Die Stadt erlebt einen Ausnahmezustand wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Bald wird klar, es handelt sich nicht um einen islamistischen oder anders politisch motivierten Anschlag, sondern um die Tat eines 18-jährigen Amokläufers. Am Ende sind im Olympia-Einkaufszentrum OEZ neun Menschen durch Schüsse des Amokläufers gestorben, der junge Mann tötet sich zudem selbst. Ob nun Terror oder Amoklauf - die zeitliche Nähe sorgt bei vielen Bürgern in Bayern für Unwohlsein.
Nur zwei Tage später, am Abend des 24. Juli, die nächste schreckliche Nachricht: In der mittelfränkischen Bezirkshauptstadt Ansbach hat sich ein abgelehnter syrischer Asylbewerber mit einer Rucksackbombe vor dem Konzertgelände von "Open Ansbach" in die Luft gesprengt. Dass die Zahl der Verletzten relativ gering bleibt, lag offenbar daran, dass ihm Mitarbeiter des Festival-Sicherheitsdienstes den Zutritt zum Gelände verweigerten. Auf dem Handy des Mannes fand sich laut Ermittlern ein Bekennervideo einer vermummten Person, die ihre Zugehörigkeit zum "IS" betonte. Dabei soll es sich um den 27-Jährigen gehandelt haben.
Weitreichender als die konkreten Auswirkungen der beiden Taten in Würzburg und Ansbach mit den zum Teil schwer verletzten Opfern war der kollektive Verlust des in Deutschland, in Bayern und gerade auf dem flachen Land weit verbreiteten Sicherheitsgefühls. Bis dahin war der Terror ein ausländisches Phänomen. Viele dachten, Terroristen schlagen nur in Großstädten wie Brüssel, Paris oder Nizza zu. Schließlich führten die Verbindungen der Täter oft in von der Politik und der Gesellschaft vernachlässigte Vororte mit hohem Migranten-Anteil und viel sozialem Konfliktpotenzial. In Deutschland, glaubten viele, ist das anders.
Rational begründbar war und ist diese Angst freilich nicht, erklärte der Würzburger Psychologieprofessor Paul Pauli nur wenige Tage nach dem Attentat von Ansbach. Dass der Terror "so nahe gekommen ist", sei für viele Menschen zweifelsohne eine schwierige Situation. Man sollte diese Gefühle nicht unterdrücken, sondern aussprechen. Man müsse solche Ängste aber auch "immer wieder auf den Realitätsgehalt prüfen". Die Wahrscheinlichkeit, dass man selbst Opfer einer solchen Attacke werde, sei in Deutschland immer noch sehr vor gering: "Jede Autofahrt auf der Autobahn ist statistisch gesehen viel gefährlicher."