Aachener Friedenspreis für türkische Wissenschaftler
Aachen (epd). Am Donnerstagabend ist der Aachener Friedenspreis verliehen worden. Er ging in diesem Jahr an türkische Wissenschaftler, die wegen ihres Engagements für ein Ende des Militäreinsatzes in den Kurdengebieten unter Repressionen leiden. Zweiter Preisträger ist die Bürgerinitiative Offene Heide, die seit mehr als 20 Jahren gegen das Nato- und Bundeswehr-Gefechtsübungszentrum Altmark bei Magdeburg protestiert.
Im Januar hatte das "Komitee der AkademikerInnen für den Frieden" in der Türkei einen von 1.128 Wissenschaftlern verschiedener Universitäten unterzeichneten Friedensappell veröffentlicht. Mit dem Aufruf "Wir werden nicht Teil dieses Verbrechens sein" forderten sie ein Ende des Militäreinsatzes in den Kurdengebieten und die Wiederaufnahme von Friedensverhandlungen. Die Reaktion des türkischen Staates war massiv, die Unterzeichner wurden verfolgt und diffamiert, es kam zu Verhaftungen, Disziplinarverfahren und Anklagen. Hunderte Wissenschaftler wurden von ihren Universitäten beurlaubt und entlassen worden.
Der Putschversuch Mitte Juli habe die Demokratiebewegung weiter dramatisch eingeschränkt, berichtete Esra Mungan, Psychologieprofessorin an der Bogazici-Universität Istanbul. Durch eine Änderung des türkischen Hochschulrahmengesetzes werde Akademikern jegliche politische Tätigkeit und Äußerung verboten, kritische Wissenschaftler würden durch regierungstreue Kollegen ersetzt. "Wenn man vom Frieden spricht, wird man direkt als Verräter angesehen", sagte Mungan.
Die Bürgerinitiative Offene Heide wurde für "die Beharrlichkeit und den Mut" ihres langjährigen Protests geehrt. Seit 1993 rufe die Initiative an jedem ersten Sonntag im Monat zum Friedensweg in das Militärgelände auf, organisiere Informationsveranstaltungen und Kundgebungen. Die Auszeichnung solle zudem darauf aufmerksam machen, dass das Gefechtsübungszentrum Altmark der "Inbegriff für den Wandel der Bundeswehr von einer Verteidigungs- hin zu einer Interventionsarmee" sei, erklärte der Verein "Aachener Friedenspreis".
Der früher von der Wehrmacht und später von der Sowjetunion genutzte Truppenübungsplatz in der Colbitz-Letzlinger Heide wurde den Angaben zufolge für eine Milliarde Euro umgebaut. Auf dem mehr als 23.000 Hektar großen Gelände mit Dorf- und Stadtkulissen würden Bundeswehrsoldaten auf Auslandseinsätze vorbereitet, hieß es. Jährlich trainierten dort außerdem 25.000 Nato-Soldaten. Seit 2012 entstehe dort zudem eine künstliche Großstadt mit über 500 Häusern, Kirchen, Moscheen, einem Bahnhof und einem Stadion, in der Kampfeinsätze in städtischen Gebieten geübt werden sollen. Betreiber des Gefechtsübungszentrums ist der Rüstungskonzern Rheinmetall.
Die Auszeichnung sei ein wichtiges Signal, um die Zusammenhänge einer breiteren Öffentlichkeit überhaupt zur Kenntnis zu bringen, sagte Anni Pott vom Aachener Friedenspreis: "Wir erleben eine wahnwitzige schleichende Aufrüstung der Gesellschaft." Diese Kriegsvorbereitungen gingen alle etwas an, denn die Bundeswehr werde gerade von einer Verteidigungs- zu einer Interventionsarmee umgebaut.
Der Aachener Friedenspreis wird seit 1988 an Menschen verliehen, die sich an der Basis für Frieden und Völkerverständigung einsetzen. Er wird getragen von rund 50 kirchlichen, politischen, gewerkschaftlichen und gesellschaftlichen Gruppen sowie etwa 350 Einzelpersonen, die im Verein "Aachener Friedenspreis" zusammengeschlossen sind. Die symbolisch mit jeweils 1.000 Euro dotierte Auszeichnung wird jährlich am 1. September, dem Antikriegstag, verliehen.