Paul Oestreicher: Ein radikaler Pazifist

uch in hohem Alter bleibt Paul Oestreicher seinem radikalen Pazifismus treu. Der frühere BBC-Mitarbeiter und Versöhnungsaktivist mischt sich weiter in politische Debatten ein und spart auch Kirchen und Regierungen bei Kritik nicht aus.

Meiningen (epd). Mit fast 95 Jahren formuliert Paul Oestreicher seine Überzeugungen ohne Umschweife. Gewalt lehnt er grundsätzlich ab. Er widerspricht Kirchen, Staaten und politischen Bewegungen, wenn sie aus seiner Sicht diesem Grundsatz widersprechen.

Seine erste Heimat, schreibt Oestreicher in seiner Autobiografie, sei „die einst berühmte Theaterstadt Meiningen“ gewesen. Dort wurde er am 29. September 1931 geboren, vor 95 Jahren also. Sein Vater war jüdischer Kinderarzt und zum Christentum konvertiert, seine Mutter Kammersängerin. Unter der Herrschaft der Nationalsozialisten versteckte sich die Familie mehrere Monate in einem Keller in Berlin. 1939 gelang ihr die Flucht nach Neuseeland. Später ging Oestreicher nach Großbritannien.

Studium in Neuseeland

1955 schloss er an der Victoria University of Wellington seinen Master ab. Seine Arbeit behandelte die Kriegsdienstverweigerer in Neuseeland während des Zweiten Weltkriegs.1960 erhielt er in London die Priesterweihe. 1983 schloss er sich den Quäkern an.

„Der Politologe in mir weiß, dass der Zeitgeist in einer Zeit des Chaos wie jetzt kaum fähig ist, auf Gewalt zu verzichten“, sagt Oestreicher dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Im Schlepptau machen die Kirchen trotz der Stimme Jesu mit.“ Nur einzelne Zeugen nähmen die Bergpredigt ernst. Als Beispiele nennt er den Theologen Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) und den österreichischen Kriegsdienstverweigerer Franz Jägerstätter (1907-1943). Der junge Landwirt wurde im Zweiten Weltkrieg hingerichtet, weil er den Kriegsdienst, selbst gegen den Rat seines Bischofs, verweigerte.

Die DDR im Kalten Krieg regelmäßig besucht

Pazifismus und Versöhnung sind Oestreichers Lebensthemen. Ab Mitte der 1980er Jahre leitete er das internationale Versöhnungszentrum der Kathedrale von Coventry und die weltweite Versöhnungsarbeit der Gemeinschaft. Die mittelalterliche Kathedrale war 1940 bei einem deutschen Angriff zerstört worden. Aus Nägeln des verbrannten Dachstuhls entstand das Nagelkreuz als Zeichen für Frieden und Versöhnung.

Oestreicher trug dieses Zeichen auch in politische Konflikte. Zwischen 1956 und der politischen Wende besuchte er die DDR fast 80 Mal. Er setzte sich für politische Gefangene ein und war an Gesprächen beteiligt, die zur Ausreise der Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley (1945-2010) aus der DDR beitrugen. In den 1970er Jahren besuchte er außerdem RAF-Gefangene in Stuttgart-Stammheim.

Kritiker der israelischen Besatzungspolitik

Über den Moskauer Patriarchen Kyrill urteilt Oestreicher, er sei „einst KGB-Spitzel, und jetzt Putins Pudel“. Auch Benjamin Netanjahu nennt er ausdrücklich. „Hitler musste an seinem Nazi-Großdeutschland scheitern. Ebenfalls müsste Netanjahu an seinem zionistischen Groß-Israel scheitern.“ Seit den frühen 2000er Jahren gehört Oestreicher zu den Kritikern der israelischen Besatzungspolitik. Er schloss sich Initiativen wie Jews for Justice for Palestinians an, um für die Rechte der Palästinenser und eine Friedenslösung einzutreten: „So paradox ist die heutige Realität. Die Verfolgten von gestern, die Verfolger von heute. Mein Gebet schließt alle ein.“

Für Oestreicher gehört diese Haltung zum Christentum. „Auch die Tyrannen sind geliebte Kinder Gottes. Ihnen zu folgen, ist die ständige Gefahr für die Kirchen.“ Als Beispiele nennt er die Deutschen Christen während der NS-Zeit und die AfD heute.

Versöhnung als politische Aufgabe

Sein Verständnis von Versöhnung prägte seine Arbeit in Coventry. Nach dem deutschen Angriff predigte der Dompropst in der zerstörten Kathedrale, Christen sagten Nein zur Vergeltung und wollten nach dem Krieg mit den damaligen Feinden eine gemeinsame Zukunft gestalten. Oestreicher machte diesen Gedanken zur Grundlage seiner Arbeit.

Später arbeitete er bei der BBC und war Vorsitzender der britischen Sektion von Amnesty International. Er studierte bei dem evangelischen Theologen und NS-Verfolgten Helmut Gollwitzer (1908-1993) und arbeitete mit Martin Niemöller (1892-1984) zusammen. Sein Leben ließ ihn zwischen Deutschland, Großbritannien und seinem heutigen Wohnsitz in Neuseeland pendeln. Zum Reisen sei er inzwischen zu alt, sagte er anlässlich seines 90. Geburtstages. Einmischen wird er sich weiterhin.