9/11: Ein Flug und seine Geschichte

Vor 25 Jahren erschütterten die Anschläge vom 11. September in den USA die Welt. Das World Trade Center in New York und das Pentagon in Arlington, Virginia, sind bekannt - weniger bekannt ist die Geschichte des vierten entführten Flugzeugs.

Shanksville (epd). An der grauen Tafel lehnt Superman. Das rote Cape zu Flügeln aufgespannt, die Hände zu Fäusten geballt, alle Muskeln angespannt. Der Superheld ist bereit zum Kampf. Die kleine Plastikfigur steht unter dem Namen Louis J. Nacke II. Wer sie hier abgestellt hat, ist nicht bekannt. Vielleicht eines seiner Kinder. Vielleicht jemand, der gelesen hat, dass Nacke, genannt „Joey“, Gewichtheber war und ein Superman-Tattoo trug.

Nacke war auf dem Weg zu einem kurzfristigen Geschäftstermin, als er eines der Opfer der Anschläge vom 11. September 2001 wurde. Er gehörte zu den Passagieren des United-Airlines-Flugs 93, der von Terroristen entführt wurde und nach dem Angriff der Passagiere auf die Entführer in Pennsylvania abstürzte, bevor es für einen weiteren Anschlag genutzt werden konnte.

Feld der Ehre

Am Flight-93-Memorial in der Nähe von Shanksville im US-Bundesstaat Pennsylvania wird die Geschichte dieses Fluges erzählt. Der Mut der Passagiere, ihre Handlungen und Entscheidungen an Bord stehen im Mittelpunkt der Ausstellung und des gesamten Gedenkortes. Aus einem gewöhnlichen Feld, so formuliert es die Gedenkstätte, wurde für immer ein „field of honor“, ein Feld der Ehre.

Rund um Shanksville ist alles grün. Hügel, Wälder und weite Wiesen prägen die Landschaft. Die Gegend wirkt friedlich. Mitten in dieser Idylle weist ein Schild auf die Gedenkstätte hin. Das Gelände, auf dem das Flugzeug vor 25 Jahren abstürzte, ist heute Teil eines Nationalparks. Die weitläufige Anlage führt Besucher behutsam durch die Geschichte des Ortes.

Der „Tower of Voices“ - der Turm der Stimmen - empfängt sie kurz nach dem Eingang. Der etwa 28 Meter hohe Turm erinnert sichtbar und hörbar an die 40 Passagiere und Besatzungsmitglieder von Flug 93. 40 Windspiele stehen für ihre Stimmen. Fährt der Wind hindurch, klingt es ein wenig wie Regentropfen auf Blech, mal heller, mal dunkler. Fast wie Glocken.

Aussichtsplattform

Mit diesem Klang im Ohr geht es auf kurviger Straße weiter durch den Park. Schilder, Wegmarken und Aussichtspunkte laden zum Anhalten ein. Schließlich taucht eine graue Betonstruktur auf. Klare Kanten, glatte Flächen. Ein Weg aus schwarzen Granitplatten führt zwischen hohen Betonwänden hindurch. In den Boden ist eine Chronologie der Ereignisse eingraviert. Der Weg endet auf einer Aussichtsplattform mit Blick auf die Absturzstelle.

Im Besucherzentrum rekonstruiert eine kleine, aber eindrückliche Ausstellung die Ereignisse des 11. Septembers und die letzten Minuten von Flug 93. Der United-Airlines-Flug startet mit 25 Minuten Verspätung um 8.42 Uhr in Newark, New Jersey, mit dem Ziel San Francisco. An Bord befinden sich 37 Passagiere und 7 Crewmitglieder. Nachdem bereits zwei Flugzeuge ins World Trade Center geflogen sind, stürmen um 9.28 die Terroristen das Cockpit von Flug 93.

Leuchtpunkte

Mehrere Passagiere telefonieren mit Angehörigen, so erfahren sie von den Anschlägen. Mittlerweile hat ein weiteres Flugzeug das Pentagon getroffen. Passagiere und Bordbesatzung besprechen sich und beschließen schließlich zu handeln. Um 9.57 beginnen sie ihren Angriff auf die Entführer. Sechs Minuten später stürzt das Flugzeug auf einer Wiese in Pennsylvania ab.

Funksprüche, Telefonmitschnitte und Nachrichten der Passagiere und der Crew machen die Ereignisse an Bord nachvollziehbar. In der Ausstellung zeigen Leuchtpunkte, wie viele Flugzeuge sich während der Anschläge gleichzeitig in der Luft befanden. Eine Chronologie zeichnet die letzten Minuten des Fluges nach.

Die Schulklasse, die kurz zuvor noch das Besucherzentrum lärmend geflutet hat, verstummt vor der Tafel, die die letzten Minuten an Bord rekonstruiert. Die letzte Nachricht eines Passagiers markiert den Beginn des Angriffs auf die Entführer. „Es geht jetzt los.“ Dann Stille.

Ort der Zerstörung

Ein schmaler Fußweg führt hinunter vom Besucherzentrum hinunter zur Absturzstelle. Rund 20 Minuten dauert der Weg durch den Nieselregen. Etwa auf halber Strecke markiert ein Aussichtspunkt den Ort, bis zu dem Angehörige nach dem Unglück gehen durften, während an der Absturzstelle noch gearbeitet wurde.

Eine schmale Granitmauer führt entlang der Absturzstelle, sie folgt dem Verlauf des früheren Absperrzauns. Dahinter markiert ein Felsbrocken die Stelle, wo das Flugzeug am Boden zerschellt ist.

Der einzige Deutsche an Bord

An einem Ende der Mauer befindet sich die „Wall of names“ - die Wand mit den Namen von Passagieren und Crew. 40 Opfer, 40 Marmorplatten. Aus der Entfernung wirken sie wie eine geschlossene Wand. Erst aus der Nähe wird sichtbar, dass jede einzelne Platte einen Namen trägt.

Einer von ihnen: Louis J. Nacke II., der Mann mit dem Superman-Tattoo. Ein Stück weiter steht ein weißblauer Engel aus Holz, darüber steht der Name Christian Adams. Er war der einzige Deutsche an Bord des Fluges.

Am anderen Ende der Mauer öffnet sich ein kleiner Platz. Einige Besucher setzen sich auf Stühle, die in Reihen stehen. Eine US-Flagge weht im Wind. Der Blick fällt auf das gesamte Gelände, die Mauer, die Namenswand, den Weg durch die Landschaft hinauf zum Besucherzentrum. Ein Augenblick der Ruhe.