Theologe Enns: "Frieden braucht mehr als Waffen"
Friedensforscher Fernando Enns unterscheidet zwischen Sicherheits- und Friedenslogik. Seine Forderung: Theologie und Kirche sollten ethische Orientierung bieten.
Hamburg (epd). Frieden braucht nach Ansicht des Theologen und Friedensforschers Fernando Enns mehr als Waffen. Dass im Nahen Osten trotz diplomatischer Bemühungen die Angriffe weitergehen und die Auslegung von Waffenstillständen umstritten bleibt, sei Ausdruck eines strukturellen Problems, sagte Enns im Interview mit dem in Hamburg und Berlin ansässigen Portal evangelische-zeitung.de. Solange Konflikte vor allem militärisch gedacht würden, bleibe Frieden schwer erreichbar. Theologie und Kirche sollten ethische Orientierung bieten und sich deutlich positionieren. Enns ist Leiter der Arbeitsstelle Theologie der Friedenskirchen am Fachbereich Evangelische Theologie der Universität Hamburg.
Enns erläuterte den Unterschied zwischen Sicherheits- und Friedenslogik: „Die Sicherheitslogik setzt auf Abschreckung: Je stärker wir bewaffnet sind, desto sicherer sind wir. Die Friedenslogik folgt einem anderen Ansatz. Sie denkt Sicherheit nicht nur aus der eigenen Perspektive, sondern bezieht die Sicherheit der anderen mit ein.“
Sicherheitslogik führt zur Aufrüstung
Das Problem der Sicherheitslogik sei, dass sie leicht zu Aufrüstungsspiralen führe. Wenn sich eine Seite stärker bewaffnet, fühle sich die andere bedroht und rüste ebenfalls auf. Dabei gebe es keine Garantie, dass die Waffen nicht eingesetzt werden. „Die Friedenslogik setzt deshalb stärker auf Deeskalation, Dialog und Interessenausgleich und fragt danach, welche Ängste und Sicherheitsbedürfnisse auf allen Seiten bestehen“, sagte Enns.
Westliche Staaten würden in vielen Teilen der Welt nicht als neutrale Friedensstifter gelten, sondern als Akteure, die eigene Interessen verfolgen. Bei Konflikten gehe es fast immer um Macht, Ressourcen und Territorium. „Gerade deshalb braucht es klare ethische Orientierung“, sagte Enns. „Theologie und Kirche sollten diese bieten und sich deutlich positionieren.“
Dass Krieg in Teilen der US-Politik auch religiös aufgeladen wird, lasse sich nicht mit dem christlichen Gebot der Nächstenliebe vereinbaren. Im Neuen Testament gehe es nicht nur um Nächstenliebe, sondern auch um Feindesliebe. Enns: „Deshalb müssen Kirchen entschieden widersprechen, wenn der christliche Glaube für nationale oder militärische Interessen instrumentalisiert wird.“