Politikwissenschaftler: Sturz des Assad-Regimes ist große Befreiung
Hamburg (epd). Nach dem Sturz des syrischen Diktators Baschar al-Assad wird es jetzt zunächst um einen geordneten Übergang in Syrien gehen. „Nach vielen Jahrzehnten einer Diktatur lassen sich die Institutionen eines Staates nicht so schnell umbauen“, sagte der Politikwissenschaftler Jan Wilkens von der Universität Hamburg dem Evangelischen Pressedienst (epd). Wenngleich viele Syrerinnen und Syrer laut Wilkens ein großes Interesse haben, ihr Land wieder aufzubauen, wird der Prozess dauern.
epd: Wie ist der Sturz Assads einzuschätzen?
Jan Wilkens: Der Sturz Assads ist zunächst einmal eine große Befreiung für viele Menschen. Für viele ist es eine emotionale und seelische Befreiung nach Jahrzehnten der politischen Unterdrückung von Familien, Angehörigen und Freund:innen. Für sehr viele auch eine ganz physische Befreiung aus den vielen Gefängnissen, in denen zahllose Menschen ohne Rechte unter Folter gelitten haben. Das Ausmaß dieser Folter ist uns bisher nur ausschnitthaft durch einige mutige Zeugen bekannt. Es wird nun darum gehen, in den nächsten Jahren dies systematisch aufzuarbeiten.
Ein Grund dafür, dass das Regime nun so schnell in sich zusammengefallen ist, trotz der zahlreichen Geheimdienste, ist nicht nur, dass Russland, Iran und die Hisbollah als wichtigste militärische Unterstützung weggefallen sind, sondern auch, dass ein großer Teil der Mittelschicht das Regime nicht ideologisch unterstützt hat. Es beruhte vor allem auf der Vereinbarung, dass das Regime Schutz und einen gewissen Wohlstand bietet. Hier wurde nun klar, dass es das Versprechen nicht mehr halten konnte. Da das Regime keine ideelle Unterstützung hatte, war somit eine wichtige Säule weg.
Bei vielen Syrer:innen herrscht Freude, aber natürlich bangen alle auch in einem solchen revolutionären Moment, wie es weiter geht und wie die verschiedenen Kräfte zusammenwirken. Allen voran HTS, die maßgeblich am militärischen Fall des Regimes beteiligt sind. Es bleibt aber auch abzuwarten, was die Türkei mit Blick auf den kurdischen Nordosten macht. Es gibt aber einige positive Zeichen, und in den vergangenen Jahren hat im Schatten des Konflikts ein Prozess stattgefunden, in dem verschiedene Akteure geschaut haben, wie ein Syrien nach Assad aussehen könnte. Daran kann angeknüpft werden.
epd: Viele aus Syrien geflüchtete Menschen haben gestern auf den Straßen in Deutschland gefeiert - ist absehbar, dass sie in ihre Heimat zurückkehren, um sie wieder aufzubauen?
Wilkens: Das ist aktuell nur bedingt absehbar, sicherlich werden viele endlich zu ihren Geliebten zurückkehren, die sie aufgrund des Assad-Regimes über viele Jahre nicht sehen konnten. Viele haben auch ein großes Interesse ihr Land, für das sie auf vielfältige Weise gekämpft haben, wieder aufzubauen. Wie das gelingen kann, bleibt abzuwarten. Wichtig ist zu verstehen, dass international ein großes Netzwerk von Syrer:innen besteht, das sicherlich bereit ist, seine Expertise in allen Bereichen des Lebens einzubringen.
epd: Viele syrische Geflüchtete sind inzwischen in Deutschland integriert, etwa Teil des Gesundheitssystems - mit welchen Auswirkungen muss Deutschland rechnen, wenn viele dieser Fachkräfte ihr Wissen jetzt mit in ihre Heimat nehmen?
Wilkens: Für Deutschland wird das kaum Auswirkungen haben, insbesondere in der nächsten Zeit wird das sehr überschaubar sein. Es wird erst einmal darum gehen, einen guten und geordneten Übergang in Syrien hinzubekommen. Das wird etwas dauern. Nach vielen Jahrzehnten einer Diktatur lassen sich die Institutionen eines Staates nicht so schnell umbauen. Sicher ist, dass viele Syrer:innen, die auch hier in Deutschland leben, ein großes Interesse haben, für sich und ihre Familien in der Heimat eine gute Zukunft aufzubauen. Das kann vor Ort sein, aber auch über internationale Hilfe.