15.07.2017

Schwerter zu Pflugscharen - Zeichen christlicher Friedenshoffnung

Dieter Junker
Evangelische Friedensarbeit
Schwerter zu Pflugscharen

Dieter Junker

Friedrich Schorlemmer (links) und Harald Bretschneider sprachen bei der Themenwoche Frieden auf der Weltausstellung Reformation in Wittenberg über "Schwerter zu Pflugscharen".

„Schwerter zu Pflugscharen“, es war das wohl bekannteste und bedeutendste Symbol der kirchlichen Friedensarbeit in den 1980-er Jahren in der ehemaligen DDR. Das Wort des Propheten Micha, es wurde erstmals bei der Friedensdekade 1980 verwendet, 1983 schmiedete beim evangelischen Kirchentag in Wittenberg im Lutherhof ein Schmied ein Schwert zur Pflugschar um. Zwei Namen sind damit untrennbar verbunden: Harald Bretschneider und Friedrich Schorlemmer. Und beide blickten bei der Themenwoche Frieden auf der Weltausstellung Reformation in Wittenberg auf diese Jahre zurück, aber sie fragten auch nach der Bedeutung dieses Prophetenwortes für die heutige Zeit.

„Wir wussten, dass unsere Friedensarbeit Symbole braucht“, erinnert sich Harald Bretschneider. Er war damals Landesjugendpfarrer in der Evangelisch-Lutherischen Kirche Sachsens. Auf seine Initiative hin wurde das später so bekannte Symbol auf Vlies gedruckt, da dies genehmigungsfrei waren, und als Lesezeichen in der DDR verteilt. „Es war für uns ein Zeichen christlicher Friedenshoffnung“, so Harald Bretschneider. Und das Zeichen wurde angenommen, von Jugendlichen, von Friedensgruppen. Im Westen wurde es ebenfalls rasch bekannt und auch von der dortigen Friedensbewegung immer wieder verwendet. „Es war eine wunderbare Idee von Harald Bretschneider“, ist Friedrich Schorlemmer überzeugt.

„Der Prophet Micha, das ist eine Bußgeschichte, aber auch eine Geschichte der Besinnung, der Umkehr und damit der Hoffnung, dass Buße etwas bewegt“, betont Harald Bretschneider. Und trotz vielfältiger Benachteiligungen oder staatlicher Versuche, dieses Symbol nicht in der Öffentlichkeit sichtbar werden zu lassen, hätten Jugendliche den Aufnäher getragen, oder ließen, wenn von staatlichen Organen der Aufnäher ausgeschnitten wurde, ein Loch in der Jacke. „Viele Jugendliche haben damit dem christlichen Wort Hände und Füße gegeben“, so Bretschneider.

Drei Jahre später, 1983, stand dieses Symbol erneut im Mittelpunkt, diesmal beim Evangelischen Kirchentag in Wittenberg. Friedrich Schorlemmer, damals am Predigerseminar in der Lutherstadt, ließ von dem Schmied Stefan Nau im Lutherhof ein Schwert zu einer Pflugschar umschmieden. „Da man in der DDR dieses Zeichen nicht mehr zeigen durfte, wollten wir wenigstens zeigen, wie man das macht, ein Schwert zu einer Pflugschar“, meinte er auf der Themenwoche Frieden in Wittenberg. Es sei eine Aktion gewesen, die man kurzfristig vorbereitet habe, damit sie nicht langfristig verboten werden konnte, erinnert sich Schorlemmer. „Das war eine großartige Idee“, sagt Harald Bretschneider dazu,

„Das hat damals viele Menschen dazu ermutigt, angesichts der Aufrüstung und Militarisierung ihre Stimme zu erheben und ihre Absage an Geist, Logik und Praxis der Abschreckung zu formulieren“, sagt Schorlemmer. Über das West-Fernsehen verbreitete sich das Geschehen im Lutherhof rasch in Ost und West. „Es war eine Übersetzung eines Symbols in die Wirklichkeit und hat mich und viele andere sehr beeindruckt“, erinnert sich der Komponist und Musiker Michael Stolle, damals in Gera und Halle tätig, und während der Themenwoche Frieden in Wittenberg ebenso wie der ehemalige Bausoldat Andreas Ilse aus Thüringen als Zeitzeuge mit dabei.

Was ist geblieben? „Wir erleben wieder eine Rückkehr in eine Konfrontation, in eine Aufrüstung, in eine Zweiteilung der Welt. Und wir haben Menschen an der Spitze von Staaten, die einem Sorgen machen“, gibt Friedrich Schorlemmer zu bedenken. Hier könne einem wirklich Angst und Bange werden. „Und es gibt keine nennenswerte Friedensbewegung, die hier protestiert“, fügt er bedauernd hinzu. Dabei sei es wichtig, sich einzumischen, sich zu Wort zu melden, so wie damals in der friedlichen Revolution in der DDR, machte Schorlemmer deutlich. Und Harald Bretschneider betont: „Schwerter zu Pflugscharen, das müsste in der heutigen Zeit wieder neues Gewicht bekommen. Wenn wir von der Vielzahl der Waffen in der Welt wegkommen möchten , dann müssen wir auch wieder das alte Wort von Micha verantwortlich leben wollen.“ 

Weitere Zeitzeugen im Rahmen der Interviewreihe „Schwerter zu Pflugscharen – damals und heute“ während der Themenwoche Frieden bei der Weltausstellung Reformation in Wittenberg sind am 16. Juli der ehemalige Beauftragte für Friedensarbeit der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Wolfgang Geffe, und am 17. Juli die frühere Superintendentin Waltraut Zachhuber aus Magdeburg. Die Interviews sind jeweils um 14 Uhr im Lutherhof in Wittenberg.