04.05.2022

"Sie haben auf alles geschossen, was sich bewegte"

Bettina Rühl
epd

Nairobi (epd). Der junge Mann hat Zuflucht auf einem der Viehmärkte der malischen Hauptstadt Bamako gesucht. Er möchte aus Sicherheitsgründen anonym bleiben und heißt hier Adama Cissé. Nach eigenen Angaben ist er ein Überlebender des Massakers von Moura. In dem Ort in Zentralmali haben Soldaten und ihre russischen Verbündeten zwischen Ende März und Anfang April bis zu 300 Menschen umgebracht. Das bestätigt ein Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Die malische Armee hatte verkündet, 200 islamistische Kämpfer getötet zu haben.

In Cissés Schilderung klingt das ganz anders. Er sei am 27. März auf den Markt von Moura gegangen, nur zwei Kilometer von seinem Heimatdorf Ngossiri entfernt. „Ich war einer der ersten, der die Hubschrauber gesehen hat“, erinnert er sich. „Es waren fünf. Vier sind gelandet, einer kreiste weiter über Moura.“ Aus den Hubschraubern seien Bewaffnete gestiegen, „sie waren alle weiß“. Die Besatzung des Hubschraubers, der in der Luft stehen blieb, habe „auf alle geschossen, die zu fliehen versuchten“.

Ein weiterer Überlebender, der hier Boubacar Diallo genannt wird, erzählt ebenfalls von fünf Hubschraubern. Auch er ist im Anschluss an das Massaker nach Bamako geflohen. Als die Hubschrauber gegen 17 Uhr abflogen seien, hätten Bewaffnete Moura umstellt: sowohl malische als auch weiße Soldaten, die nicht die Sprache der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich sprachen. „Die Weißen sind dann von Haus zu Haus gegangen und haben jedes nach Männern durchsucht“, erinnert sich Diallo. „Es waren viel mehr weiße als malische Soldaten.“

Laut der Westafrika-Direktorin von Human Rights Watch, Corinne Dufka, glauben die Augenzeugen, mit denen ihre Organisation gesprochen hat, dass es sich bei den weißen Männern um Russen handelte, weil die malische Regierung im Dezember die Präsenz russischer Ausbilder im Land angekündigt hatte. Sie sollten die malische Armee demnach im Kampf gegen bewaffnete Islamisten unterstützen. Das russische Engagement in Mali, aber auch das Vorgehen des malischen Militärs, das nach zwei Putschen das Land regiert, haben eine Debatte über die Bundeswehreinsätze in dem westafrikanischen Land befeuert. Die aktuellen Mandate für eine EU- und eine UN-Mission enden Ende Mai.

Cissé und Diallo berichten, dass die Soldaten die Männer des Ortes in der Nähe des Niger-Flusses, an dem Moura liegt, zusammengetrieben hätten. Cissé schätzt die Zahl der Gefangenen auf 4.000. Nach und nach seien aber viele wieder frei gelassen worden. Die übrigen Männer seien in Gruppen aufgeteilt und festgehalten worden. „Ich habe gesehen, wie die weißen Bewaffneten einzelne Männer abgesondert und dann exekutiert haben“, erzählt Cissé. Die malischen Soldaten hätten die Gefangenen bewacht, die Russen hätten die Opfer ausgewählt und hingerichtet. Ob es sich um russische Soldaten oder Söldner der berüchtigten russischen Wagner-Gruppe handelte, können weder Cissé noch Diallo sagen.

Die Söldner der privaten Wagner-Gruppe tragen keine besonderen Uniformen und keine russischen Hoheitszeichen oder andere Erkennungsmerkmale. Die russische Regierung bestreitet sogar, dass es die Gruppe überhaupt gibt. Nach US-Erkenntnissen wird das Unternehmen dagegen von Jewgeni Prigoschin finanziert, einem engen Vertrauten von Präsident Waldimir Putin. Die Wagner-Söldner sollen inzwischen auch in der Ukraine im Einsatz seien, sie kämpfen in Syrien und Libyen und sind auch in anderen afrikanischen Staaten wie der Zentralafrikanischen Republik und dem Sudan.

„Die Russen erklärten uns, sie hätten eine Maschine, mit deren Hilfe sie Terroristen erkennen können“, erinnert sich Cissé. „Aber ich habe keine solche Maschine gesehen. Ich glaube, sie haben die Menschen auf Verdacht exekutiert.“ Das Massaker habe von Sonntag bis Mittwoch gedauert.

Die Berichte von Cissé und Diallo stimmen mit denen der rund 20 Augenzeugen überein, mit denen Human Rights Watch gesprochen hat. Dufka zufolge zählten zu den Verhafteten und Hingerichteten sowohl Dorfbewohner als auch Hunderte von Händlern, die an diesem Sonntag auf den Markt gekommen waren. „Die Exekutionen gingen Tag und Nacht weiter“, erzählt Cissé. „Alle zehn Minuten hörten wir Schüsse.“ Insgesamt wurden laut Human Rights Watch etwa 300 Menschen getötet. „Die genaue Zahl weiß niemand“, meint Diallo. „Ich allein habe mehr als 200 Leichen gezählt.“

Bislang ist unklar, wie viele der Toten Zivilisten waren und wie viele tatsächlich einer der islamistischen Terrorgruppen angehörten, die in Mali gegen die Regierung und gegen die Armee kämpfen. „Natürlich haben bei uns auch Islamisten gelebt“, sagt der Überlebende Cissé. „Wir kannten sie, weil sie nie ein Geheimnis daraus gemacht haben.“ Es seien aber sehr wenige gewesen, „unter 100 Menschen waren vielleicht sechs Islamisten“. Er und Diallo können sich nicht vorstellen, wieder nach Hause zurückzugehen - aus Angst, dass sie einem nächsten Massaker nicht entkommen.