22.04.2021

Vielvölkerstaat Myanmar am Abgrund

Nicola Glass
epd

Frankfurt a.M./Yangon (epd). Der Tod kam aus der Luft: Als Ende März die ersten Bomber den östlichen Karen-Staat in Myanmar angriffen, gab es zahlreiche Opfer. Tausende Bewohner flohen in Panik, einige retteten sich über die Grenze nach Thailand. Aber Berichten zufolge wiesen thailändische Behörden etwa 2.000 Angehörige der Karen-Volksgruppe an der Grenze ab. Seit dem Militärputsch am 1. Februar in Myanmar gegen De-facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi haben sich die blutigen Konflikte in den Gebieten ethnischer Minderheiten zugespitzt.

Vor den Bombenangriffen hatte der bewaffnete Arm der Rebellenorganisation "Karen National Union" (KNU) einen Außenposten des Militärregimes erobert: Der Zeitpunkt war keineswegs zufällig. Denn der 27. März wurde vom Militär wie gewohnt als der "Tag der Streitkräfte" mit Paraden begangen. Zugleich war dies der bislang tragischste Tag seit dem Putsch, denn die Militärjunta unter Machthaber Min Aung Hlaing ließ bei landesweiten Protesten mindestens 114 Menschen erschießen. Ein Rebellen-Kommandeur erklärte, die "Karen National Liberation Army" kämpfe mit Studenten und anderen Bürgern für den Sturz der "faschistischen Diktatur", wie das Nachrichtenportal "Myanmar Now" berichtete.

Wie viele Regionen im Vielvölkerstaat Myanmar, in denen vorwiegend ethnische Minderheiten leben, ist der Karen-Staat von bewaffneten Konflikten gezeichnet. Auch ein von der KNU 2015 mit unterzeichnetes landesweites Waffenstillstandsabkommen hatte Myanmars Streitkräfte nicht davon abgehalten, in den von Rebellen kontrollierten Gebieten Zivilisten zu attackieren.

Auch im nördlichen Bundesstaat Kachin leisten Rebellen der "Kachin Independence Army" erbitterten Widerstand - mit der Folge, dass das Militärregime dort ebenfalls Luftangriffe fliegt. Wieder wurden zahlreiche Zivilisten der ethnischen Kachin-Minderheit vertrieben, die mehrheitlich Christen sind. In mehreren Kirchen fanden Razzien statt. Im benachbarten Shan-Staat gab es kürzlich einen Angriff auf eine Polizeistation mit Toten und Verletzten. Berichten zufolge geht er auf das Konto einer Allianz aus mehreren Rebellengruppen. 

Die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Michelle Bachelet, warnt bereits vor Zuständen wie in Syrien. Doch für viele Bewohner Myanmars ist kriegerische Gewalt längst Realität: "In einem Land, das über 70 Jahre Bürgerkrieg erlebt hat, ist der Machtmissbrauch durch das Militär nichts Neues, vor allem nicht für jene ethnischen Minderheiten, die vom Staat unterdrückt werden", erklärt Naw Hser Hser, Generalsekretärin der Organisation "Women's League of Burma". Laut UN-Sonderberichterstatter Tom Andrews wurden seit dem Putsch am 1. Februar etwa 250.000 Menschen vertrieben.

Doch schon im Januar berichtete das UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (Ocha), dass mehr als eine Million Menschen Hilfe benötigen, darunter 336.000 Binnenflüchtlinge in den Bundesstaaten Rakhine, Kachin, Karen und Shan. Eine brutale Militäroffensive hatte im August 2017 zudem mehr als 740.000 muslimische Rohingya aus Rakhine nach Bangladesch vertrieben. Den Streitkräften unter Min Aung Hlaing, damals Armeechef, wird Völkermord vorgeworfen.

Seit dem Putsch massakriert die Junta Kritiker aus sämtlichen Bevölkerungsteilen. Laut der Hilfsorganisation für politische Gefangene (AAPP) wurden mindestens 738 Menschen bei Protesten getötet, hinzu kommen Folter und Massenverhaftungen. Trotzdem setzt die "Bewegung des zivilen Ungehorsams" aus Studierenden, Arbeiterinnen und Arbeitern, medizinischem Personal, Staatsbediensteten sowie buddhistischen Mönchen, Muslimen, katholischen Nonnen und Priestern ihren Widerstand fort. Kürzlich nominierten sechs Professorinnen und Professoren der Universität Oslo die multiethnische und interreligiöse Bewegung für den Friedensnobelpreis.

Weil die Hoffnungen auf eine internationale Intervention schwinden, werden die Rufe nach einer "föderalen Armee" in Myanmar immer lauter. Diese soll den Volksaufstand und eine von Putsch-Gegnern proklamierte Gegenregierung unterstützen. Fraglich ist, ob eine solche Allianz unter den geschätzt mehr als 20 Rebellengruppen zustande käme. Medien berichten, dass manche Zulauf von jungen Leuten erhielten, die erklärten, kämpfen zu wollen. Das Land habe sich in eine Blutlache verwandelt, beklagt Frauenrechtlerin Naw Hser Hser, "während die Welt zusieht und das Militärregime weiter ungestraft Gräuel begeht".