08.04.2021

"Versuch' deinen Kopf über den Kochertalrand zu strecken"

Susanne Müller
epd

Forchtenberg (epd). Vielleicht wäre aus Doris Schmitz, der Tochter des Kronenwirts in Forchtenberg, nicht die Persönlichkeit geworden, die sie heute ist, hätte ihr ihre junge Patin Inge Scholl nicht schon in Kinderzeiten ans Herz gelegt: "Doris, versuch' deinen Kopf mal über den Kochertalrand zu strecken!". Die Scholl-Schwestern haben das Leben der Forchtenbergerin mitgeprägt. 

Als Kind dachte sie, ob sie denn öfter den Blick von den Höhen auf das rund 200 Meter tiefer liegende Kochertal wagen sollte, berichtet Doris Schmitz schmunzelnd im Rückblick. Später begriff sie die Dimension und hat "den Auftrag intensiv nachgeholt". Mit ihrem Mann Günter, einem Architekturprofessor, lebte sie Jahrzehnte in den USA und bereiste mit offenen Augen praktisch ganz Nord-, Mittel- und Südamerika, die damalige Sowjetunion und Europa von Schottland bis Griechenland, von Spanien bis Norwegen.

Angefangen hatte alles 1921, als die Familie Karle mit der ein Jahr zuvor geborenen Eleonore, genannt Lore, nach Forchtenberg zog und dort die Gaststätte Krone mit zugehöriger Metzgerei übernahm. Knapp zwei Jahre zuvor war Robert Scholl in Forchtenberg Bürgermeister geworden, im Rathaus, einen Steinwurf von der Krone entfernt. "Man lernte sich kennen und freundete sich an, auch durch die Kinder", berichtet Doris Schmitz. 

Doris selbst - 1933 geboren - hat Sophie Scholl nicht mehr persönlich kennengelernt. Robert Scholl war 1929 als Bürgermeister in Forchtenberg abgewählt worden und die Familie zog weg, zuerst nach Ludwigsburg und 1932 nach Ulm. Sophie, die bei der Abwahl ihres Vaters erst acht Jahre alt war, setzte danach keinen Fuß mehr in die Stadt - aus Protest. 

Doris' 2010 verstorbene Schwester Lore hat Sophie aber sowohl in Forchtenberg als auch in Ulm erlebt und Ende der 1990er Jahre ihre Erinnerungen für einen privaten Kreis aufgeschrieben. Sie berichtet vom gemeinsamen Spiel, vom Schwimmen und Wanderungen im Schiedwald und im Kupfertal: "Ich kannte Sophie nur als fröhliches Menschenkind." 

Sie hatte aber auch ernste Seiten. Als Lore 1935 einige Wochen bei Scholls in Ulm verbringt, kommt Sophie einmal spät abends erst aus der Schule. Auf Nachfrage sagt sie: "Ach, ich bin mit der Luise Hirsch noch bis ans Haus gelaufen." Sie hatte der jüdischen Mitschülerin Geleitschutz gegeben.

"Sophie konnte schon als Kind Unrecht nie leiden, ob es ihr selbst oder anderen geschah", berichtet Lore. Aber sie konnte sich auch unbändig freuen: "Das Söpherle - so wurde sie als Kind von Familie und Freunden genannt - konnte sagen: 'Wenn ich an Weihnachten denk', dann kribbelt's mir im Bauch vor Freude'." 

Bis Sommer 1939 kamen die älteren Scholl-Kinder häufig in den Ferien per Fahrrad nach Forchtenberg. Sie wohnten in der Jugendherberge im Stadttor, die ihr Vater initiiert hatte, und aßen manchmal in der Krone zu Mittag. Sophie blieb derweil in Backnang bei Onkel und Tante.

Die damals erst 16-jährige Inge Scholl, die später den Grafiker Otl Aicher heiratete, wurde 1933 Patin der kleinen Doris. Als die 1939 eingeschult wurde, lud Inge sie nach Ulm ein. "Ich habe diese Reise genossen und bekam auch kein Heimweh", erinnert sich Doris Schmitz. An Geburtstagen und Weihnachten wurde sie beschenkt. Inge kam auch hin und wieder zu Besuch. Sie half der noch in den letzten Kriegstagen ausgebombten Familie Karle auch mit Bettwäsche und zwei blauen Kleidern für Doris, die diese jahrelang in Ehren hielt. 

Nach Kriegsende wurde Robert Scholl in Ulm als Oberbürgermeister eingesetzt. Seine Frau Magdalene kümmerte sich um Kriegsvetriebene vor allem aus Ostpreußen, die in der ehemaligen Ulmer Kaserne untergebracht waren. "Das Essen war knapp. Magdalene Scholl erhielt Kleinlaster von der US-Armee zur Verfügung gestellt. Damit organisierte sie Fahrten nach Hohenlohe, um Kartoffeln und andere Lebensmittel zu holen zur Versorgung der Flüchtlinge", berichtet Doris Schmitz. Doris durfte zwei Mal im Wochenabstand nach Ulm und zurück mitfahren. Sie saß dabei auf den Kartoffelsäcken. 

"Für Magdalene und für Inge galt: sie waren 'die zarte Gewalt' - bestimmend, wenn es sein muss", sagt Doris Schmitz. Ihre Patin Inge Scholl gründete nicht nur die erste Volkshochschule in Deutschland, sondern mit Otl Aicher auch die schnell weltbekannte Ulmer Hochschule für Gestaltung zu Ehren ihrer ermordeten Geschwister. "Die Anregung kam von den Amerikanern - besonders von deren Hochkommissar für Deutschland, John J. McCloy", berichtet Doris Schmitz, in deren Biografie diese Hochschule eine wesentliche Rolle spielen sollte. 

Die Hochschule wurde gegründet 1953 in der Amtszeit des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Kurt Georg Kiesinger, der bekanntermaßen aktives NSDAP-Mitglied ab 1933 war, und 1968 geschlossen von Ministerpräsident Hans Filbinger, der ebenso bekanntermaßen ein Nazi-Militärrichter war. Beide konnten sich mit dem Gedenkprojekt für Hans und Sophie Scholl nie anfreunden, ist sich Doris Schmitz sicher.  

Unter den Studierenden in Ulm war auch Günter Schmitz. Dort lernte ihn Doris Karle kennen, die mit gerade einmal 22 Jahren damals Deutschlands jüngste Chefin einer Hochschulküche war. Eigentlich wollte sie Gymnastik- und Sportlehrerin werden, was aber ihrer Mutter nicht gefiel. Inge Aicher-Scholl fädelte den Umweg über Ulm ein, der nach fünf Jahren doch noch zur ersehnte Ausbildung an der Loheland-Schule bei Fulda führte. 1961 hatten Karle und Schmitz gleichzeitig ihre Abschlüsse in der Tasche und ein Jahr später heirateten sie. 

Im Jahr 1967 zog es das junge Ehepaar nach Amerika, wo Günter Schmitz beim Aufbau einer Architektur-Fakultät nach Ulmer Vorbild in Texas helfen sollte. Zwei Jahre wollten sie bleiben. "Die Weite - und der blaue Himmel!" - auch das war für Doris Schmitz ein Blick "über den Kochertalrand". Von Amerika aus hielten sie Kontakt auch zu den Scholls. Nach der Aufbauphase in Texas wurde Günter Schmitz die Leitung der Fakultät angetragen. "Und plötzlich waren es fünf Jahre", berichtet Doris Schmitz. Als er dann an die University of Buffalo gerufen wurde, "fiel der Entschluss, bis zum Ruhestand in Amerika zu bleiben".

Dann kam der Ruhestand und bei ihrem Mann das Heimweh. So landeten beide an seinem Lieblingsort, ihrem Geburtsort, in Forchtenberg. Während in den 1960er Jahren der Gemeinderat des Kocherstädtchens heftig gestritten hatte, ob es eine "Geschwister-Scholl-Straße" am Ort überhaupt brauche, war bei Doris Schmitz' Rückkehr um das Jahr 2000 das Erinnern an die jugendlichen Widerständler gegen das NS-Regime in Forchtenberg überall präsent. 

Doris Schmitz nahm Anteil, pflegte aber vor allem weiter ihre persönliche Verbindung zur letzten verbliebenen Scholl-Schwester, Elisabeth Hartnagel. Die hatte 2005 in einem Interview über die Zeit nach der Hinrichtung ihrer Geschwister gesagt: "Der Kreis, der zu uns gehalten hat, war sehr begrenzt." Doris Schmitz und ihre Familie gehörten dazu. Hartnagel vertrat auch stets die Auffassung, ihre ermordeten Geschwister hätten niemals als Helden betrachtet werden wollen: "Helden? Sophie und Hans wären entsetzt", sagte sie, privat und auch öffentlich. Sie als Helden zu verklären bedeute doch gleichzeitig, sich herauszureden, dass man selbst nichts getan habe oder tue, wo Widerstand nötig war oder ist.