18.07.2021

Kulturkampf um kritische Rassentheorie in den USA

Konrad Ege
epd

Washington (epd). Das konservative Amerika hat ein Problem: Vielen weißen US-Bürgern geht die anhaltende Debatte um Rassendiskriminierung, weiße Privilegien und die Geschichte der Sklaverei in den Vereinigten Staaten zu weit. Verstärkt wurde diese gesellschaftliche Diskussion vor allem nach dem Mord an dem Afro-Amerikaner George Floyd im Mai 2020. Mehr und mehr Weiße fühlen sich mittlerweile anscheinend selbst als Opfer. Zum Schreckgespenst geworden ist für sie die sogenannte „kritische Rassentheorie“ (Critical Race Theory) - allerdings ist nicht so ganz klar, was es genau mit diesem Kampfbegriff auf sich hat.

Der rechte Sender Fox News schimpft seit Monaten über die Critical Race Theory, die Weiße für viele Missstände im Land pauschal verantwortlich macht. Im Juni sei allein bei Fox News mehr als 700 Mal über das Thema gesprochen worden, zählte unlängst die Tageszeitung „Washington Post“. Der republikanische Gouverneur des US-Bundestaates Florida, Ron DeSantis, sowie mehrere seiner Kollegen haben die Behandlung der Theorie in Schulen bereits verbieten lassen. In Tennessee befürchtet man, dass die Theorie die Kluft zwischen Angehörigen verschiedener Ethnien, Religionen oder gesellschaftlichen Klassen im Unterricht vertieft. Ein entsprechendes Gesetz in dem US-Bundestaat soll das verhindern.

Die Critical Race Theory geht zurück auf die 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Die „Erfinder“ wollten die Ursachen von Rassendiskriminierung erforschen. Dafür entwickelten sie einen akademischen Theorieansatz. Danach liegt das Problem des Diskriminierung nicht bei der Voreingenommenheit von Einzelnen. Schuld seien vielmehr Strukturen in der Gesellschaft, die Schwarze schon immer benachteiligten. Spätestens seit dem Tod von George Floyd ist dieses Konzept in das allgemeine Bewusstsein vorgedrungen. Auch US-Präsident Joe Biden sprach mehrmals über systemischen und institutionellen Rassismus.

Republikanische Politiker sehen das anders. Sie kritisieren, die Critical Race Theory wolle die gesamte weiße Bevölkerung an den Pranger stellen, die US-Geschichte wegen der Sklaverei schlecht machen und Schüler indoktrinieren. Kindern werde beigebracht, sie sollten „ihr Land hassen“, warnte Florida-Gouverneur Ron DeSantis. Als Beispiel für die Theorie nannte er ein Video für Schüler über die „Black Lives Matter“-Bewegung. Wenn ein Polizist seine Macht missbrauche, sagt einer der Protagonisten, sei das ein grundsätzliches Symptom und kein Einzelfall.

Juraprofessorin Kimberlé Crenshaw, vor 30 Jahren eine der Mitentwicklerinnen der Critical Race Theory, zeigte sich im Magazin „The Nation“ von den Angriffen nicht überrascht. Wenn sich beim Zusammenleben der Ethnien Reformen durchsetzten, löse das unweigerlich Widerstand aus, der manchmal mächtiger sein könne als die Reformen selber. Die Politikwissenschaftlerin Imani Perry von der Princeton Universität in New Jersey interpretierte in CNN die Attacken gegen die „kritische Rassentheorie“ als „Post-Trump-Versuch“, Furcht und Angst zu erzeugen.

Die Präsidentin der US-Lehrergewerkschaft, Randi Weingarten, versicherte Anfang Juli, die „American Federation of Teachers“ werde Lehrerinnen und Lehrern Rechtshilfe leisten, die mit Vorschriften gegen das Lehren der Critical Race Theory in Konflikt geraten. Sie warf rechten „Kulturkriegern“ vor, sie wollten einschüchtern und Diskussionen über Rassismus und Diskriminierung „vergiften“.

Auch in den Kirchen wird das Konzept diskutiert. Eher evangelikal eingestellte Protestanten betrachten rassistisches Denken und Tun als persönliche - aber nicht als strukturelle - Sünde. Nach Ansicht der Präsidenten der sechs theologischen Hochschulen des Südlichen Baptistenverbandes ist das Konzept mit baptistischen Grundsätzen nicht zu vereinbaren. Bei der Jahresversammlung des Südlichen Baptistenverbandes, der größten protestantischen Kirche der USA, beschlossen Delegierte eine Resolution gegen Theorien, die die menschliche Identität in einer kulturellen Identität verankern.

Manche Katholiken sehen das anders. Der Präsident der katholischen Universität „College of the Holy Cross“ in Massachusetts, Vincent Rougeau, sagte im Jesuitenmagazin „America“, Katholiken hätten keinen Grund, ein möglicherweise nützliches „intellektuelles Werkzeug“ abzuweisen. Das progressive protestantische Magazin „Christian Century“ betonte, in der Bibel sei sehr wohl von gemeinschaftlicher Sünde die Rede. Auch von dieser Sünde sei Erlösung möglich.

Die Debatte ist selbst in den US-Streitkräften angekommen. Republikanische Politiker haben kritisiert, dass ein Kurs an der US Military Academy sich mit der Critical Race Theory und der Analyse von „weißem Zorn“ befasst habe. Der Vorsitzende der Vereinten Stabschefs, General Mark Milley, konterte die Beschwerde bei einer kürzlichen Kongressanhörung. Männer und Frauen in Uniform müssten aufgeschlossen sein und die Welt verstehen. Er sei weiß, und er wolle selbst verstehen, woher die weiße Erbitterung gegen die „kritische Rassentheorie“ komme.