29.07.2021

Haben wir nur solange das Recht zu leben, solange wir produktiv sind?

Thomas Krüger
epd

Münster (epd). Am 3. August 1941 trat der Bischof von Münster die Flucht in die Öffentlichkeit an. Seit Monaten hatte Clemens August von Galen (1878-1946) Berichte erhalten, wonach behinderte und psychisch kranke Menschen aus Heimen und Pflegeanstalten „auf Anordnung aus Berlin“ deportiert und Angehörige kurze Zeit später über den plötzlichen Tod der Insassen informiert wurden. Nachdem aus der Anstalt Marienthal bei Münster Ende Juli der erste Transport abgegangen war, predigte Galen in der Lambertikirche öffentlich gegen die Krankenmorde der Nationalsozialisten: „Hast du, habe ich nur solange das Recht zu leben, solange wir produktiv sind?“

Anfang 1940 hatte in Deutschland mit ausdrücklicher Ermächtigung durch Hitler die systematische Tötung kranker und behinderter Menschen begonnen. Psychisch Kranke und Schwerbehinderte passten nicht in die Ideologie der Nazis von der „Rassenhygiene“, sie galten als „unnütze Esser“ und „lebensunwertes Leben“. Das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ hatte bereits 1933 die Zwangssterilisierung von psychisch Kranken, Blinden oder Alkoholikern angeordnet.

In Heil- und Pflegeanstalten lebende Kranke und Behinderte wurden in zentrale Tötungsanstalten gebracht und durch Giftgas ermordet. 70.000 Menschen fielen bis August 1941 der später so genannten „Aktion T4“ zum Opfer. Schon bald nach deren Beginn machten Gerüchte in der Bevölkerung die Runde: Familien durften ihre Angehörigen zunächst nicht mehr besuchen, dann erhielten sie eine Todesnachricht mit oft zweifelhafter Todesursache.

Die Bischöfe seien vor allem durch die katholischen Orden über Abtransporte und Ermordungen kranker und behinderter Menschen auch aus kirchlichen Häusern informiert gewesen, sagte der Münsteraner Historiker und Theologe Hubert Wolf dem Evangelischen Pressedienst (epd). In der staatlichen Anstalt Marienthal in Münster-Kinderhaus, wo auch kirchliches Pflegepersonal arbeitete, war es eine Ordensschwester, die Bischof Galen heimlich über die bevorstehenden Transporte informierte.

Die Mehrheit der Deutschen Bischofskonferenz zog es laut Wolf vor, durch Briefe und Eingaben an staatliche Stellen zu protestieren. Auch evangelische Theologen erhoben auf diese Weise Einspruch, so etwa der württembergische Landesbischof Theophil Wurm. In Bielefeld-Bethel gelang es Anstaltsleiter Fritz von Bodelschwingh, durch Hinhaltetaktik und persönliches Einwirken auf Verantwortliche der „Aktion T4“, Patienten und Bewohner fast vollständig vor den Tötungen zu bewahren.

Münsters Bischof von Galen wollte, vom Gewissen geplagt, nicht länger schweigen und protestierte auch öffentlich: „Wenn man den Grundsatz aufstellt und anwendet, dass man den ‚unproduktiven‘ Menschen töten darf, dann wehe uns allen, wenn wir alt und altersschwach werden“, rief er von der Kanzel: „Wehe den Invaliden, die im Produktionsprozess ihre gesunden Knochen eingesetzt, geopfert und eingebüßt haben!“

Galen habe in seiner Predigt sehr geschickt auch mit dem Schicksal der Kriegsversehrten argumentiert, erläutert Geschichtsprofessor Wolf. Das bei den Geisteskranken „erprobte Verfahren“ könne durch einen „Geheimerlass“ auch auf schwer kriegsverletzte Soldaten angewendet werden, erklärte der Bischof und traf damit einen Nerv: In fast jeder Familie waren Väter, Brüder oder Söhne an der Front. „Dann ist keiner von uns seines Lebens mehr sicher“, sagte Galen.

Mit der Predigt sei das geschehen, „was die Nazis gerade verhindern wollten“, sagt Wolf: „Die Tötungsaktion war öffentlich geworden.“ Abschriften der Rede gingen durchs Land, nachts tippten Sekretärinnen im Büro heimlich Durchschläge, Familien schrieben den Text von Hand ab und gaben ihn an Freunde weiter. Auch in evangelischen Gemeinden kursierte die Predigt. Galen wird bis heute von vielen als „Löwe von Münster“ verehrt.

Der Bischof war sich nach Einschätzung von Historikern bewusst, dass er mit dieser und zwei Predigten vom Juli gegen Übergriffe des Staates auf die Kirche seine Freiheit und eventuell sein Leben aufs Spiel setzte. Doch auch nach dem 3. August schreckte die NS-Führung vor Gewalt gegen ihn zurück: Das Regime habe gefürchtet, „in Galen einen Märtyrer zu schaffen“ und damit mitten im Krieg die Unterstützung nicht nur der katholischen Bevölkerung in Westfalen zu verlieren, betont Professor Wolf. Weil der ansonsten eher „obrigkeitshörige“ Galen mit den Krankenmorden „zentrale Überzeugungen des Glaubens“ in Frage gestellt sah, sei er mit seiner Predigt über sich hinausgewachsen und habe Zivilcourage gezeigt.

Die Ansprache tat zusammen mit zunehmender Unruhe im Kirchenvolk offenbar ihre Wirkung: Mit einem Geheimbefehl vom 24. August stoppte Hitler die zentralisierte Mordaktion. In kleinerem Rahmen lief die Tötungsmaschinerie jedoch später weiter: In staatlichen „Heil- und Pflegeanstalten“ wurden durch Überdosierung von Medikamenten oder Verhungernlassen durch Unterernährung bis Kriegsende noch Zehntausende weitere Kranke und Behinderte ums Leben gebracht.