09.08.2021

Gegen das Vergessen und zur Mahnung vor Kriegen

Anne-Dorle Hoffgaard
epd

Güstrow (epd). Der ehemalige Soldatenfriedhof auf dem Hügel „Großer Bockhorst“ östlich des Stadtgebiets von Güstrow soll bis 2028 in vier Abschnitten saniert werden. Mitte August startet unter Federführung des Kunst- und Altertumsvereins Güstrow (KAV) als erster Bauabschnitt die Restaurierung des Kriegsgefangenen-Totenmals. Das restaurierte Erinnerungszeichen soll am 14. November während einer Feierstunde am Volkstrauertag an die Barlachstadt übergeben werden. Die anschließenden Sanierungsschritte für die etwa einen Hektar große Friedhofsanlage übernimmt die Stadt.

In dem Kriegsgefangenenlager auf der Güstrower Bockhorst waren während des Ersten Weltkrieges zwischen 1914 und 1918 bis zu 25.000 Soldaten aus Belgien, Frankreich, Italien, England, Polen und Russland inhaftiert. Sie waren zunächst in Zelten untergebracht, später in festen Baracken. Schätzungen gehen davon aus, dass auf dem am Rande des Lagers angelegten Friedhof etwa 950 bis 1.000 Tote bestattet wurden, etwa 500 aus Russland und 150 aus Frankreich.

Am 21. April 1918 wurde an zentraler Stelle auf dem Soldatenfriedhof ein etwa 3,30 Meter hohes und fast 1,80 Meter breites Denkmal aus Sandstein für die Toten des Kriegsgefangenenlagers eingeweiht. Es ist nach Osten ausgerichtet und zeigt eine nackte männliche Gestalt, die an den Sockel gelehnt ist und mit der Hand ein abgelegtes Schwert mit abgebrochener Klinge umfasst. Vor diesem geflügelten Krieger kniet eine Frau in Trauerhaltung. Künstler und Handwerker, die zu den auf der Bockhorst inhaftierten Soldaten gehörten, hatten das Denkmal entworfen und umgesetzt.

Die beiden Gestalten des Totenmals weisen starke, zum Teil mutwillige Beschädigungen aus unterschiedlichen Epochen auf. Die Figuren sollen aber nicht rekonstruiert werden. Ziel ist vielmehr, dieses seltene Zeugnis der Erinnerungskultur vor dem weiteren Verfall zu bewahren. Außerdem sollen die auf dem Friedhof vorhandenen und die auf dem städtischen Bauhof gesicherten Originalteile wieder mit dem Denkmal verbunden werden. Der Güstrower Steinmetzmeister Thomas Borgwardt restauriert das Totenmal. Die Hermann-Reemtsma-Stiftung (Hamburg) fördert die Arbeiten finanziell.

Auch wenn sich das Denkmal mit dem nackten Krieger und der trauernden Frau in die bekannten Typologien der Kriegerdenkmäler für den Ersten Weltkrieg einordne, sei seine Entstehungsgeschichte außergewöhnlich, sagt KAV-Projektleiter Volker Probst. In der Regel hätten damals vor allem Kriegervereine und Soldatenverbände solche Denkmäler angeregt und errichtet.

In Güstrow hätten jedoch inhaftierte Soldaten „während des Krieges ohne die Vorstellung und ohne die Hoffnung auf ein baldiges Ende die Initiative ergriffen, um ein sichtbares Zeichen für ihre verstorbenen Kameraden zu setzen“, so Probst. Dass sie dabei auf jegliche programmatische Inschrift verzichteten, sollte die Toten ehren ohne Ansehen ihrer Herkunft und ohne jegliche Schuldzuweisung. Auch dies sei ein signifikanter Unterschied zu den in der Weimarer Republik errichteten Kriegerdenkmalen.

Innerhalb der Denkmalslandschaft in Güstrow habe das Totenmal auf dem Soldatenfriedhof „Große Bockhorst“ bislang kaum im Blickfeld gestanden, räumt Probst ein. „Über Jahrzehnte hinweg war es dem witterungsbedingten Verfall und dem Vandalismus preisgegeben.“ Mit den Denkmalen zu den Befreiungskriegen 1813 auf dem Franz-Parr-Platz, zum Krieg 1870/71 auf dem Wall und Ernst Barlachs „Schwebendem“ (1927) im Dom sei es ein materielles Zeichen der Erinnerungskultur und ein Zeugnis von 200 Jahren wechselvoller deutscher Geschichte.