09.04.2021

"Einer muss doch anfangen!"

Susanne Müller
epd

Forchtenberg/München (epd). Vor 100 Jahren, am 9. Mai 1921, wurde Sophie Scholl in Forchtenberg am Kocher geboren. Am 23. Februar 1942 starb sie als Mitglied der Widerstandsgruppe "Weiße Rose" in München unter dem Fallbeil. Der westfälische Theologe, vielfache Autor und Religionslehrer an einem Berufskolleg Werner Milstein hat den bevorstehenden Gedenktag zum Anlass für eine Biografie genommen. 

Mit "Einer muss doch anfangen!" wolle er das Erbe Sophie Scholls an die kommenden Generationen weitergeben, schreibt Milstein. Und das sei: "Ein Leben in Verantwortung mit einem wachen Geist und einem mitempfindenden Herzen." Neben der Historikerin Maren Gottschalk und dem Hamburger Theologen Robert M. Zoske ist Milstein in diesen Wochen der Dritte, der sich der Lebensgeschichte der Studentin annimmt.

In der Biografie flicht Milstein Zeit- und Lebensgeschichte ineinander, so dass auch Leserinnen und Leser, die markante Ereignisse der Nazizeit nicht präsent haben, deren Auswirkungen auf das Alltagsleben der Menschen nachvollziehen können. Milstein ist, wie Illustrationen im Buch belegen, Sophies Lebensspuren nachgereist. Zudem sei er dankbar für Gespräche, die er vor vielen Jahren führen konnte mit Franz Josef Müller, dem Gründer der Weiße Rose Stiftung, mit Anneliese Knoop-Graf, der Schwester des ermordeten Weiße-Rose-Mitglieds Willi Graf, mit Sophies Freundin Susanne Hirzel und ihrer Schwester Elisabeth Hartnagel. 

Die Milstein-Biografie zeigt das Aufwachsen eines Mädchens, das zwar gute Freunde hatte, aber doch Außenseiterin war. Selbst während sie ab Frühjahr 1935 Jungmädelschaftsführerin und damit Teil des nationalsozialistischen Erziehungssystems war, brachte sie einen ausgeprägten eigenen Stil ein: Essen wurde auf Ausflügen geteilt, mit den Mädchen saß sie nachts am Lagerfeuer - auch wenn deren Eltern beides nicht passte. 

Eine wichtige Quelle für den Autor sind Tagebuchnotizen Sophie Scholls. Sie dokumentierten "ihre innere Entwicklung, die bisweilen abrupten Stimmungsschwankungen, die unablässige Suche nach sich selbst, das Ringen um Klarheit und Wahrheit", schreibt er. 

Im November 1939 schreibt Sophie beispielsweise: "Man sollte überhaupt den Mut haben, nur an das Gute zu glauben. Ich meine damit nicht, an Illusionen zu glauben. Sondern ich meine, nur das Wahre und Gute zu tun und bei anderen Menschen vorauszusetzen, wie man es mit dem Verstand nie kann. Nur, man hängt zu sehr am Leben, um so zu sein."

Am Ende setzt sie doch ihr Leben aufs Spiel. Im Verhör durch die Geheime Staatspolizei (Gestapo) nach ihrer Verhaftung im Münchner Universitätsgebäude reagiert Sophie auf das Angebot des Beamten, sich von ihren Taten zu distanzieren: "Sie täuschen sich, ich würde alles genau noch einmal machen, denn nicht ich, sondern Sie haben die falsche Weltanschauung." Noch ehe zwei Tage später der eigentliche Prozess stattfand war sie sich darüber klar, dass sie die Verbreitung der Weiße-Rose-Flugblätter mit dem Leben bezahlen muss.  

Milsteins Biografie enthält auch Passagen, die anderswo nicht oder kaum vorkommen. So erwähnt er unter anderem einen Halbbruder der Geschwister Scholl und eine Anklage gegen Hans Scholl wegen "sexueller Unzucht mit einem Jungen". Vielleicht ist das gemeint mit der Ankündigung des Verlags, Milstein porträtiere "das Leben dieser faszinierenden Frau mit allen Höhen und Tiefen, Offenbarungen und Geheimnissen". 

Er geht auch auf das Gerücht ein, Hans und Sophie seien kurz vor ihrem Tod vom protestantischen zum katholischen Glauben übergetreten. Der später in Russland gefallene Bruder Werner habe berichtet, dass Hans Scholl zu konvertieren überlegt habe, um mit dem ebenfalls zum Tod verurteilten Freund Christoph Probst, der katholisch war, gemeinsam Abendmahl feiern zu können. Da dies aber die Gefängnisordnung grundsätzlich nicht erlaubte, verzichteten Hans und Sophie auf den Schritt, und die drei Todgeweihten erhielten einzeln das Abendmahl.