09.04.2021

"Ein glattes Wunder"

Gabriele Ingenthron
epd

Donaustauf (epd). Wer den Ruhmestempel Walhalla in Donaustauf nahe Regensburg betritt, findet die Büste von Sophie Scholl gleich rechts neben dem Eingang. Der weiße Marmorkopf thront auf einem Podest. Kindlich, fast unbedarft wirkt das Mädchengesicht, und wenig heldenhaft für einen Heroentempel. Eine Gedenktafel darunter erinnert an die Nazi-Gegner im Widerstand: "In Gedenken an alle, die gegen Unrecht, Gewalt und Terror des 'Dritten Reiches' mutig Widerstand leisteten."

Sophie Scholl, die zusammen mit ihrem Bruder Hans und weiteren Widerstandskämpfern hinter den anonym verfassten und zu Tausenden verteilten Flugblättern der Weißen Rose steckte, wurde am 22. Februar 1943 mit nur 21 Jahren von der NS-Justiz hingerichtet. Bis heute gilt Sophie Scholl, die vor hundert Jahren am 9. Mai 1921 geboren wurde, als eine Ikone des Widerstands gegen das Nazi-Regime.

Mit ihr identifizierten sich viele Deutsche angesichts der Untaten ihrer Eltern und Großeltern. Die mutige junge Frau gab eine Projektionsfläche ab, weil sie das schlechte Gewissen der Menschen in inhumaner Zeit verkörperte. Die jüngere Generation habe sich davon abgelöst, sagt Weiße Rose-Stiftungsvorsitzende Hildegard Kronawitter: "Heute erleben wir junge Menschen, die in Sophie Scholl ein Vorbild sehen an Zivilcourage, Mut und Eintreten für das, was moralisch geboten ist."

So wurde Sophie Scholl zur Heldin der jüngeren Geschichte: ihr Wirken wurde mehrfach verfilmt, bis heute wird sie verehrt. Und doch blieb die junge Frau ein seltsam verklärter und überhöhter Mythos, der wenig Raum für Ungeglättetes ließ, der nicht nach dem Menschen hinter der Heldin fragte. Genau so hielt sie der aus Furtwangen im Schwarzwald stammende Bildhauer Wolfgang Eckert in seiner Büste fest.

Dieses pausbäckige Image erregte noch bei der Installation der Büste am 22. Februar 2003 Anstoß. Es war der 60. Jahrestag der Hinrichtung durch die NS-Justiz. "Ein Backfisch-Gesicht", kommentierte der damalige Kunstminister Hans Zehetmair (CSU); er vermisse in der Skulptur "innere Tiefe".

Noch im Jahr 2000 hatte die bayerische Staatsregierung überlegt, Sophie Scholl lediglich mit einer Gedenktafel und nicht mit einer Büste zu ehren. Diese Differenz trat auch bei der Einweihung noch zutage. Hildegard Kronawitter, damals SPD-Landtagsabgeordnete, erinnert sich: "Wir haben es ein Stück weit abgetrotzt." 

Es gab Kontroversen darüber, ob Sophie Scholl als einzige aus dem Kreis der Weißen Rose hervorgehoben werden sollte. Ob man eine gegen den deutschen Staat kämpfende Widerständlerin zusammen mit den Heroen "teutscher Sprache" ehren könnte, wie es dem Begründer der Ruhmeshalle, König Ludwig I., vorschwebte.

Beschleunigt wurde der Entscheidungsprozess, nachdem Kronawitter, heute Vorsitzende der Weiße Rose Stiftung, mit Unterstützung von Schauspielern wie Senta Berger und dem Verein "Gegen Vergessen" eine Initiative gegründet hatte. Dem publizistischen Echo konnte sich schließlich auch die bayerische Staatsregierung nicht entziehen. Sophie Scholl war damals die fünfte Frau, die in der Walhalla ihren Platz fand. Bis heute sind es nur 13 von insgesamt 131 Büsten. 

Am Tag der Installation schilderte Widerstandskämpfer und Mitglied der Weißen Rose, Franz J. Müller, wie Sophie das letzte Abendmahl feierte, bis der Wächter an die Türe klopfte, um eine unglaublich gefasste junge Frau zur Hinrichtung abzuholen. Bleierne Trauer soll sich damals in der Walhalla unter den Gästen ausgebreitet haben. Dass Sophie Scholl durch ihre postume Ehrung im Heldentempel aus der Gruppe der Weißen Rose hervorgehoben wurde, fand Müller, der selbst von den Nazis verurteilt wurde, mehr als berechtigt: "Sophie ist ein glattes Wunder."