08.04.2021

Eigenwillig und gerechtigkeitsliebend

Markus Springer
epd

München/Forchtenberg (epd). Wohl nach keiner anderen Person aus dem deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus wurden so viele Schulen, Plätze und Straßen benannt wie nach Sophie Scholl. Ihre Büste steht in der Ruhmeshalle der Walhalla und in Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett in Berlin. Scholl und ihre Mitstreiter der Weißen Rose hatten von Juni 1942 bis April 1943 mit Flugblättern zum Kampf gegen die Nazis aufgerufen. Sophie Scholl und sechs weitere Mitglieder bezahlten dies mit dem Leben. 

Alexander Schmorell und Sophies älterer Bruder Hans Scholl verfassen die ersten vier Flugblätter. Sie entstehen in Schmorells Elternhaus, Auflage jeweils 100 Stück, die sie vor allem an Akademiker in München verschicken. Im Januar und Februar 1943 entstehen zwei weitere Flugblätter. Alle werden sorgfältig vorbereitet und redigiert. Der Weißen Rose ist eine überzeugende philosophische und theologische Begründung wichtig. Die Gestapo intensiviert die Fahndung nach der Gruppe. 

Mit einem neuen Vervielfältigungsapparat steigen die Auflagen nun - auf Tausende Exemplare. Per Kurier oder Post werden die Flugblätter nach Ulm, Stuttgart, Freiburg, Hamburg oder Chemnitz und in einige österreichische Städte gebracht. Am 18. Februar gegen 11 Uhr legen die Geschwister Scholl das sechste Flugblatt vor den Hörsälen im Hauptgebäude der Münchner Universität aus. Überzählige Blätter lassen sie in den Lichthof fallen und werden dabei von einem Hausmeister gefasst. 

Nach einem kurzen Volksgerichtsprozess im Münchner Justizpalast, in dem die Angeklagten kaum zu Wort kamen, werden Sophie, Hans und Christoph nur vier Tage nach ihrer Verhaftung am 22. Februar zurück nach Stadelheim gebracht. Um 17 Uhr wird Sophie Scholl über den Gefängnishof in den Raum mit der "Fallschwertmaschine" geführt. Ruhig und gefasst war sie, steht im Protokoll. Zwei Minuten später stirbt Hans. Seine letzten Worte: "Es lebe die Freiheit!" Danach stirbt Christoph Probst.

Wer war Sophie, der Mensch, das Mädchen hinter dem Mythos? "Eine feine Eigenwilligkeit (?) gepaart mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitsgefühl", schrieb ihr die vier Jahre ältere Schwester Inge zu. 1942 war ein Wendejahr für die Familie. Die Verhaftung des Vaters und einige Jahre zuvor ihres Bruders, die Entwicklung des Kriegs sowie die katastrophalen Berichte von der Front - es gibt viele Spuren, die bei Sophie Scholl dazu geführt haben, sich den Nazis entschlossen entgegenzustellen. 

Wesentliches wurzelt wohl in der Familie: im Pazifismus der Eltern, in der Frömmigkeit der Mutter. Die Familie Scholl stammt aus Hohenlohe, dem fränkisch geprägten Nordosten Württembergs. Sophie wurde am 9. Mai 1921 als viertes Kind von Lina und Robert Scholl in Forchtenberg geboren. Ihr Vater war dort seit 1919 Bürgermeister. Ihre Mutter war die Tochter eines Schuhmachers und Fabrik-Schichtmeisters aus Künzelsau. Ihr Lebensmotto war: "Es geht, wie Gott will."

1932 zog die Familie Scholl nach Ulm. Robert Scholl eröffnete dort eine Kanzlei als Steuerberater und Wirtschaftsprüfer. Anders als ihre Kinder, die - ganz dem Zeitgeist folgend - mit wehenden Fahnen sich vom Gemeinschaftsideal des Nationalsozialismus betören ließen, lehnten die Eltern Scholl den Faschismus ab. 1933 tritt Hans dem "Jungvolk" bei und wird in kürzester Zeit Scharführer. Im Jahr 1934 macht es ihm Sophie Scholl beim Bund Deutscher Mädel (BDM) als Jungmädelführerin nach.

Im Jungmädelbund wurden Sophie Scholl und Susanne Hirzel (1921-2012) Freundinnen. "Sie war wie ein feuriger wilder Junge und trug die dunkelbraunen glatten Haare im Herrenschnitt. Sie war lebhaft, keck (?) und von einer göttlichen Schlamperei", erinnerte sich Hirzel 1946 in einem Schreiben an Ricarda Huch. Sophie und ihre Freundinnen zelteten gemeinsam "fast jedes Wochenende" an der Iller oder an der Donau, schreibt Hirzel weiter: "Letzten Endes ging es um die Freiheit." 

Nach der Hinrichtung der Geschwister Scholl wurde auch Susanne Hirzel verhaftet und "kam zufällig in die Zelle u. das Bett zu liegen, in dem Sofie 5 Tage zuvor noch gelegen hatte". Sophie hatte dort auf ihrer Pritsche die Fotos ihrer wichtigsten Freunde aufgestellt. Hirzel ist nur ein Beispiel dafür, dass das Netzwerk an Unterstützern der Weißen Rose größer war und weiter reichte, als man oft annimmt. Rund 60 Mitstreiter wurden in mehreren Prozessen angeklagt und verurteilt. 

Partys hießen "Tanzkränzle" in Ulm. Sophie liebte die neuen, wilden amerikanischen Tänze. Foxtrott hieß "Fuchstrab". Der damals 20-jährige Fritz Hartnagel und die 16-jährige Sophie Scholl kannten sich schon länger. Bei den "Tanzkränzle" ging es ausgelassen zu, es wurde geraucht und getrunken. Und zwischen Sophie und dem gut aussehenden Leutnant begann es zu funken. Fritz hatte sich schon vor dem Abitur für eine Offizierslaufbahn entschieden. Jetzt war er in Augsburg stationiert.

Die einzige Männerbeziehung im kurzen Leben Sophie Scholls war von Anfang an eine komplizierte Liebe. Der Briefwechsel zwischen den beiden ist fast vollständig erhalten. "Sophie wollte eigentlich eine Beziehung ohne körperliche Liebe", meint ihr Biograf Robert Zoske. "Selbst als sie zusammen in Urlaub fuhren, sich billige Ringe besorgten, damit sie verheiratet erschienen und gemeinsam in einem Hotelzimmer übernachten konnten, immer noch, als sie miteinander schliefen, war das so."

Kam die innere Freiheit und Widerständigkeit der Scholl-Geschwister aus dem protestantischen Glauben, wie ihn ihre tiefreligiöse Mutter vermittelte und vorlebte? Oder gab es 1941 eine religiöse Wende, eine Art Erweckung unter dem Einfluss des katholischen Ulmer Freundes Otl Aicher und des katholischen Hochlandkreises? Das sieht zumindest der katholische Theologe Jakob Knabe in seiner 2018 erschienenen Biografie "Ich schweige nicht: Hans Scholl und die Weiße Rose" so.

Viel Zeit blieb den Eltern nicht, sich von ihren Kindern zu verabschieden. Sie waren nach Stadelheim gehetzt, ihnen blieben zehn Minuten. Robert Scholl umarmte Hans und Sophie im Besuchsraum über die Brüstung hinweg und sagte: "Ihr werdet in die Geschichte eingehen." Sophie antwortete: "Das wird Wellen schlagen." Ganz nahe seien sie sich gewesen, schreibt die Mutter später. Sie habe zu Sophie gesagt: "Aber gelt, Jesus". Und Sophie habe geantwortet: "Ja, aber Du auch." 

Mutter Lina Scholl hält nach Sophies Tod schriftlich fest, ihre Tochter sei nun ganz bei Gott - eine Märtyrerin, die am Ende ihren christlichen Glauben bekräftigte.