08.03.2021

Der tanzende Tabakhändler

Jutta Olschewski
epd

Mühlhausen (epd). Heute noch sieht Otto Pröls den Nachbarn im langen, schwarzen, ausgebeulten Mantel, wie er kreiselnd durch die Küche seiner Eltern tanzt. Bei Kindern und Erwachsenen war Albert Schloß beliebt, ein gerngesehener Gast beim Essen im Haus des Spenglermeisters Pröls, erinnert sich dessen Sohn rund 70 Jahre später. "Beim Essen kommt der Appetit", war einer seiner Sprüche, mit denen er die Familie amüsierte. Vor dem Krieg betrieb Schloß in der Hauptstraße 15 im mittelfränkischen Mühlhausen (Kreis Erlangen-Höchstadt) ein Tabakgeschäft. 

Otto Pröls war noch nicht geboren an dem Tag im Jahr 1942, als Albert Schloß und seine Frau deportiert wurden. "Die sind nach Dachau gebracht worden", hieß es in Mühlhausen lange Zeit. Tatsächlich traten die beiden jüdischen Mitbürger aber die Fahrt in das Konzentrationslager Theresienstadt an. Dort ist Alberts Frau ermordet worden. Nachdem die beiden älteren Damen, Luise Reizenstein und Auguste Wassermann, aus Mühlhausen abtransportiert worden waren, meldete der "Aischtalbote": "Seit einiger Zeit ist unser schöner Markt endlich von Juden frei geworden."

Es gab aber eine Zeit in Mühlhausen, in den Jahren 1824 und 1825, in der ein Viertel der Bevölkerung des Ortes jüdischen Glaubens war. 208 Juden und Jüdinnen zählt man in dem Marktflecken. Ein paar Jahrzehnte später sinkt der Anteil. Einige jüdische Familien wandern nach Amerika aus. Andere gehen in größere Städte, als 1861 die bayerische Verordnung aufgehoben wird, nach der sich an jedem Ort nur eine bestimmte Zahl Juden niederlassen darf. Aus dem 2010 erschienenen Synagogen-Gedenkband "Mehr als nur Steine" geht hervor, dass damals aus den kleineren Orten mehr und mehr Juden unter anderem nach Schweinfurt, Nürnberg oder Fürth umsiedeln.

In das Dorfleben waren die jüdischen Bürger damals gut integriert, sie waren Mitglieder der Vereine, im Gesangsverein, im Schützenverein, bei der Feuerwehr - das haben Otto Pröls seine Eltern berichtet. Während des Ersten Weltkriegs sind 13 Mühlhausener jüdische Männer einberufen, der 38-jährige Fritz Wahle fällt in Rumänien, berichtet der inzwischen verstorbene Orts-Chronist, Johann Fleischmann, in seinem Buch "Mesusa, Spuren der Vergangenheit an Aisch, Aurach, Ebrach und Seebach". 

Die Brüder Sigmund und Otto Reizenstein, ausgewanderte Mühlhausener, die in Chicago als Geschäftsleute reich geworden waren, stiften in den 1920er Jahren dem Ort eine "Kleinkinderschule", die von den Schwestern der Neuendettelsauer Schwesternschaft bis Ende 1938 geführt wurde. "Dass der konfessionelle Friede innerhalb der Gemeinde wie seither auch fernerhin gewahrt bleibe", wünscht sich der Stifter bei der Einweihung. "So daß Klassenhaß und Rassenhaß keinen Fuß fassen können", hoffte er in der Rede vergeblich. 

Unter der Herrschaft der Nationalsozialisten wandern in den Jahren 1933 bis 1939 aus Deutschland etwa 250.000 Juden aus. Als im Oktober 1941 die Deportationen in die Konzentrationslager und Ghettos im Osten im beginnen, dürfen Juden nicht mehr emigrieren. In den Lagern sterben 165.000 deutsche Juden. In ganz Europa sind es sechs Millionen.

In Mühlhausen wüten SA-Angehörige aus Forchheim während der Reichspogrome am Morgen des 10. November. Sie zerstören jüdische Wohnungen und sie demolieren die Synagoge. Nur weil sie ein Übergreifen der Flammen auf andere Gebäude befürchten, zünden sie sie nicht an. Die Jahre der Nazi-Herrrschaft hat die Mühlhausener Bürgerin Gertrud Bär noch gut Erinnerung. "Wenn ein Parteigenosse gesehen hätte, dass man einem jüdischen Nachbarn was zu essen gibt, dann wäre man selbst dran gewesen", erzählt sie. Und sie hat noch das Bild von dem dreirädrigen Wagen vor Augen, mit dem das Ehepaar Schloß abgeholt wurde. 

Nach dem Krieg kehrt ein einziger jüdischer Bürger Mühlhausens in seine Heimat zurück. Der gesellige und gemütliche Albert Schloß, dem von nun an wieder die Kinder aus der Nachbarschaft zum Schabbat den Ofen anzünden und Wasser in das Behältnis für die rituellen Waschungen füllen. Dafür erhalten sie Matze-Brot. Der junge Otto isst es gerne, "denn das war einmal etwas anderes".

Das metallene Wassergefäß steht heute in Pröls Haus. In den alten Fotoalben der Familie ist der Rentner außerdem auf eine Handvoll alter Aufnahmen von Schloß gestoßen. Das hat in ihm den Entschluss reifen lassen, die Erinnerung an den Mann, der zurückkehrte, wachzuhalten. Er fertigte eine Collage aus den Bildern an und ließ sie drucken. Ein Exemplar überreichte er dem Vorstand des '"Forum Alte Synagoge Mühlhausen", eines Vereins, der sich für die Restaurierung des jüdischen Gotteshauses einsetzt. Ein Abzug hängt im Schaufenster des "Heimatvereins Reicher Ebrachgrund" an der Hauptstraße. 

"Er war eben wieder da", sagt Gertrud Bär über Albert Schloß' Rückkehr im Jahr 1945 in sein Haus. Das inzwischen verkaufte, aber unbewohnte Gebäude erhielt der nun schon 68 Jahre alte Tabakhändler zurück. "Über seine Frau hat keiner mehr gesprochen", sagt Otto Pröls. 1953 ist Albert Schloß gestorben. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem jüdischen Friedhof in Bamberg. Wie er wohl das KZ Theresienstadt überleben konnte? "Meinem Großvater hat er einmal erzählt, weil er die Wachmannschaften unterhalten habe", erinnert sich Bär, "er war ein lustiger Mann, der Albert Schloß".