14.09.2021

Das "Gedächtnis" der Juden in Deutschland ist umgezogen

epd

Heidelberg (epd). Mit einem Festakt hat das Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland am Dienstag in Heidelberg seinen Umzug in neue Räumlichkeiten begangen. Die Sammlung bewahrt Schriften, Akten und Protokolle jüdischen Gemeindelebens in Deutschland ab 1945 auf. Das Archiv wurde 1987 in Heidelberg gegründet und ist eine Einrichtung des Zentralrats der Juden in Deutschland. Das Bundesinnenministerium trägt die Kosten der Einrichtung mit jährlich rund 900.000 Euro.

„Das neue Archiv steht für die Existenz jüdischen Lebens im Nachkriegsdeutschland“, sagte der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Josef Schuster, bei der Einweihungsfeier. Es brauche Orte wie das Archiv, um das Wissen über jüdisches Leben zu verbessern und damit den Zusammenhalt in der Gesellschaft zu stärken, betonte Schuster. Das Wissen über Judentum beschränke sich bei vielen Menschen auf das Stichwort „Reichspogromnacht“.

Seit Anfang des Jahres hat das Zentralarchiv Räume in einer ehemaligen Tabakfabrik in Heidelberg bezogen. Die Sammlung, die zuvor in zahlreichen Außenstellen verteilt war, bewahrt Schriften, Akten und Protokolle jüdischen Gemeindelebens in Deutschland ab 1945 auf.

Das Archiv enthält unter anderem Akten und Aufzeichnungen jüdischer Bürger, Literatur über das Judentum in Deutschland sowie Dokumente aus der Weimarer Republik, der Zeit des Nationalsozialismus und dem Holocaust. Protokolle von Vorstandssitzungen, alte Handwerkerrechnungen, Familiennachlässe und Baupläne bilden jüdisches Gemeindeleben in der deutschen Nachkriegszeit ab.

Neben der Geschichte der Juden im Kraichgau finden sich in dem Archiv Sammlungen Frankfurter Juden sowie Berichte von Holocaust-Überlebenden, die in den ersten Nachkriegsjahren in Polen aufgezeichnet wurden. Insgesamt umfasst die Sammlung laut dem Zentralrat der Juden in Deutschland mehr als 2.300 Regalmeter Kartons. Neben der Sammlung von Dokumenten sei in dem Zentralarchiv auch der Aufbau einer digitalen Datenbank zur Erweiterung des weltweiten Austauschs mit anderen Archiven geplant.

Die Bestände des Archivs werden den Angaben zufolge vor allem von Studenten für wissenschaftliche Zwecke genutzt. Darüber hinaus gebe es Bitten um Akteneinsicht von Geschichtsvereinen, Museen, Familienforschern - zuletzt zunehmend auch aus den USA, so der Zentralrat der Juden in Deutschland in seiner Mitteilung.

Für das Bundesministerium des Innern, Bau und Heimat erinnerte Staatssekretärin Anne Katrin Bohle bei dem Festakt daran, dass bis 1933 ein Drittel aller Nobelpreisträger Juden gewesen seien. „Dieser Esprit wurde mit den Nationalsozialisten ausgelöscht“, so Bohle. In dem Archiv finde sich dieses „blühende, intellektuelle Leben“ wieder, sagte die Staatssekretärin.

Heutigen antisemitischen Tendenzen erteilte die baden-württembergische Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Theresia Bauer (Grüne), in ihrem Grußwort eine klare Absage. „Wir verstecken hier nichts“, sagte Bauer und verwies auf die zentrale Lage des neuen Standorts für das Archiv. „Nur wenn wir auch die dunklen Seiten unserer Geschichte anschauen, wissen wir, wie wir sein wollen“, so die Ministerin.

Für ihn sei es „etwas Wunderbares, dass das Zentralarchiv ausgerechnet im Festjahr 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland eingeweiht werden konnte“, sagte der Leiter des Zentralarchivs, Ittai Joseph Tamari. „Die Freude ist groß, die Vision aber noch größer“, „Gott muss ein Haus mit bauen“, ergänzten Rabbiner Andreas Nachama und Avichai Apel beim abschließenden Segen für das neue Zentralarchiv.