15.04.2021

Caritas international: Nato-Abzug aus Afghanistan katastrophal

epd

Freiburg (epd). Der Abzug der Nato-Truppen aus Afghanistan bringt nach Einschätzung von Caritas international Leid und Not für die Menschen im Land. "Aus humanitärer Sicht ist dieser überhastete Abzug eine Katastrophe", sagt Oliver Müller, der Leiter des Hilfswerks, am Donnerstag in Freiburg. Die Nato hatte am Mittwoch nach einer entsprechenden Entscheidung der USA beschlossen, am 1. Mai mit dem Truppenabzug zu beginnen. Er soll am 11. September abgeschlossen sein. Derzeit sind noch etwa 10.000 Soldaten und Soldatinnen in Afghanistan stationiert, darunter bis zu 1.300 deutsche. 

"Alles, was in Afghanistan in den vergangenen Jahren erreicht wurde, ist sehr fragil", erklärte Müller. Nun sei zu befürchten, dass es zu einer weiteren Eskalation der Gewalt komme und das Land in seiner Entwicklung um Jahrzehnte zurückgeworfen werde. Bei den humanitären Projekten des Hilfswerks zeige sich, dass die Menschen schon jetzt in nahezu allen Lebensbereichen auf Hilfe von außen angewiesen seien. Gerade die junge Generation dürfe nicht im Stich gelassen werden, Afghanistan sei eines der Länder mit dem niedrigsten Durchschnittsalter weltweit.

"Die jungen Afghanen brauchen Bildung, Arbeit, medizinische Versorgung und ausreichend Zugang zu Lebensmitteln und sauberem Wasser", sagte Müller, "sonst droht dem Land ein Exodus." Bereits im Jahr 2019 waren laut Caritas international weltweit knapp drei Millionen afghanische Flüchtlinge im Ausland registriert. Bei der nun drohenden sicherheitspolitischen Destabilisierung sei mit einem Anstieg auf das Niveau von 2001 zu rechnen, als knapp vier Millionen Menschen das Land verließen.

Das Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik (IFSH) an der Universität Hamburg sieht den geplanten Abzug der Nato-Truppen aus Afghanistan skeptisch. "Der jetzt angekündigte Abzug ist zwar folgerichtig, lässt aber auch für die nähere Zukunft eine Fortsetzung der Kämpfe befürchten", sagte der ehemalige Wissenschaftliche Direktor des Instituts, Michael Brzoska, am Donnerstag. 

Der Afghanistan-Abzug sei das überfällige Eingeständnis, dass das militärische Engagement an seine Grenzen gestoßen ist. Die vielfältigen Konfliktlinien in Afghanistan seien in dem 20 Jahre dauernden Krieg vertieft worden, so Brzoska. Dazu hätten aber auch politische Zielsetzungen beigetragen, die angesichts der sozialen Gegebenheiten in dem Land nicht erreichbar waren. 

Die Nato hatte am Mittwoch nach einer entsprechenden Entscheidung der USA beschlossen, am 1. Mai mit dem Truppenabzug zu beginnen. Er soll am 11. September abgeschlossen sein. Derzeit sind noch etwa 10.000 Soldaten und Soldatinnen in Afghanistan stationiert, darunter bis zu 1.300 deutsche.