13.05.2021

Aus dem Exil statt aus Tigray berichten

Bettina Rühl
epd

Nairobi (epd). Auf dem runden Esstisch steht eine Schüssel mit dampfenden Spaghetti, dazu gibt es Soße und Fladenbrot. Für die sechs äthiopischen Journalistinnen und Journalisten vermitteln die gemeinsamen Mahlzeiten in der kenianischen Hauptstadt Nairobi ein Stück ersehnte Normalität. Gedanklich sind sie allerdings ständig in einer Welt, die mit Alltag nichts mehr zu tun hat: im Krieg in ihrer äthiopischen Heimat Tigray. Für die Menschen dort sammeln die drei Frauen und drei Männer Informationen.

Der 34-jährige Woldegiorgis G. Teklay floh kurz vor Weihnachten aus Addis Abeba. Bis dahin war er Direktor einer Online-Medienplattform namens Awlo Media in der äthiopischen Hauptstadt. „Wir wurden immer wieder eingeschüchtert und bedroht“, erzählt er. „Dann wurde ein Kollege verhaftet. Dabei ist er sogar Amhare und nicht Tigrayer, aber die Regierung hat es auf alle Medien abgesehen.“

Amharen und Tigrayer sind zwei der mehr als 80 ethnischen Gruppen in dem Vielvölkerstaat Äthiopien. Die Frage der ethnischen Zugehörigkeit ist immer wichtiger geworden, seit die Armee Anfang November in Tigray einmarschierte. Ihr gegenüber steht die Armee der Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF), die bis dahin in der Region im Norden des Landes an der Macht war. Eskaliert ist die Lage aufgrund von Wahlen für das Regionalparlament, die die TPLF entgegen der Anordnung der Zentralregierung abgehalten hatte.

Tausende Menschen wurden seither getötet. Laut den Vereinten Nationen sind mehr als eine Million Menschen auf der Flucht. Nach Ansicht vieler Beobachter richtet sich der Kampf der äthiopischen Zentralregierung nicht mehr nur gegen die alte Clique der TPLF-Führung, sondern gegen alle Tigrayer. US-Außenminister Anthony Blinken sprach sogar von „ethnischer Säuberung“, was das äthiopische Außenministerium als „völlig haltlos“ zurückwies.

„Als ethnischer Tigrayer war ich in den Augen der Regierung verdächtig und kriminell“, erzählt Woldegiorgis. Er spricht vom „ethnischen Profiling“ in Addis Abeba, ganz zu schweigen von der Lage in Tigray. Dass trotzdem zunächst sein amharischer Kollege verhaftet wurde und nicht er selbst, erklärt Woldegiorgis so: „Ihn hat es getroffen, weil er als Moderator sichtbar war.“ Er dagegen habe als Direktor im Hintergrund gestanden. „Ich war mir aber sicher, dass sie früher oder später auch mich verhaften würden.“

Auch seine Kollegin in Nairobi, Semhal Amare Firkresilasie, fühlte sich wegen ihrer Volkszugehörigkeit bedroht und floh Mitte Februar. Sie hatte zunächst noch aus dem umkämpften Gebiet in Tigray berichtet. Dort hatten ihr ein älterer Bauer und zwei Jugendliche jeden Morgen von weiteren Übergriffen der Bewaffneten gegen Zivilisten erzählt. „Eines Morgens kamen sie nicht. Wir suchten nach ihnen und fanden ihre Leichen. Es war furchtbar.“ Der Mann sei sicher schon 70 gewesen, die beiden noch Kinder, vielleicht zehn und 19 Jahre alt.

Kurz darauf wurde Semhals Freund und Kollege Dawit Kebede in Mekelle erschossen, der Hauptstadt von Tigray. Die Hintergründe sind bisher nicht aufgeklärt. „Nach diesem Mord war mir klar, dass die Drohungen keine leeren Worte sind“, sagt Semhal.

In Nairobi haben Semhal und Woldegiorgis mit vier ebenfalls geflohenen Kollegen und einem Techniker eine Medienplattform aufgebaut. Sie heißt Axumite, nach der früheren Hauptstadt des Königreiches Axum. Nun berichten sie regelmäßig aus dem Exil. Dafür haben sie das Wohnzimmer notdürftig schallisoliert und zu einem Studio umgebaut. Ihre Berichte sprechen sie auch in Tigrinya, der Sprache ihrer Heimat, und liefern sie einem lokalen Radiosender. So erreichen sie auch die Menschen in der umkämpften Region, die kein Englisch verstehen und kein Internet haben, sei es, weil sie fliehen mussten oder weil die äthiopische Regierung das Netz wieder einmal unterbrochen hat.

Informationen erhalten sie von internationalen Medien, die in der Region waren oder Satellitenbilder auswerten konnten, Menschenrechtsorganisationen oder humanitären Helfern. Manchmal werden sie auch von Kontaktpersonen angerufen, sei es aus Tigray, aus Addis Abeba oder anderen Regionen. „Als Journalist muss man eigentlich vor Ort sein und aus erster Hand berichten“, meint Woldegiorgis, der Direktor von Axumite ist. „Aber dadurch würden wir im Moment unser Leben riskieren.“