10.12.2020

"Wir können keinen abweisen"

Achim Hermes
epd

Aachen/Jülich (epd). Zuflucht und Schutzort für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Oujda, einer marokkanischen Stadt an der algerischen Grenze: Der französische Priester Père Antoine Exelmans ist mit seinem von der evangelischen Kirche in Deutschland unterstützten Flüchtlingsprojekt "Vivre l'Espoir" (Hoffnung leben) seit Donnerstag Träger des Aachener Friedenspreises. "Wir finden die Art und Weise, wie er sich einbringt, beispielhaft", sagte Hans-Joachim Schwabe vom evangelischen Kirchenkreis Jülich dem Evangelischen Pressedienst (epd). Er hatte Exelmans gemeinsam mit dem katholischen Hilfswerk Misereor für den Friedenspreis vorgeschlagen. 

Der 74-jährige pensionierte Bankdirektor Schwabe ist Mitglied im Kreissynodalvorstand des Kirchenkreises Jülich und Koordinator der Partnerschaft mit der evangelischen Kirche in Marokko. Diese hatte das Projekt "Vivre l'Espoir" vor drei Jahren mit der Unterstützung des Kirchenkreises Jülich, der Evangelischen Kirche im Rheinland und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ins Leben gerufen.

Die Resonanz auf die Eröffnung sei überwältigend gewesen, erinnert sich Schwabe: "Wir hatten das Zentrum angelegt auf 15 junge Menschen im Jahr. Aber schon nach drei Monaten haben über hundert junge Flüchtlinge bei uns Zuflucht gesucht." Das Zentrum sei völlig überfüllt gewesen, da habe Père Antoine Exelmans, Pfarrer der katholischen Gemeinde, seine Hilfe und Unterstützung angeboten. Der 55 Jahre alte französische Geistliche, seit 2014 in Marokko, habe sein Gemeindezentrum zur Verfügung gestellt und das Projekt "Hoffnung leben" zu seiner Herzensangelegenheit gemacht, sagt Schwabe. "Unser Projekt ist heute ein ökumenisches Projekt." 

Im "Vivre l'Espoir" finden die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge nach Schwabes Worten Schutz, Betreuung und ärztliche Versorgung. Sie können zudem eine zwei- bis dreimonatige Kurzzeit-Ausbildung erhalten. "Das gibt den Jugendlichen ein Stück ihrer Menschenwürde zurück", sagt Schwabe. "Denn was bleibt ihnen sonst? Betteln, klauen, sich prostituieren."

Zweimal im Jahr fliegt Schwabe nach Marokko. Die Begegnungen mit Père Antoine Exelmans sind für ihn stets intensiv und befruchtend. Aber man sei manchmal auch nicht vor Überraschungen gefeit, erzählt der Koordinator der Partnerschaft, der auch für die finanzielle Unterstützung aus Deutschland verantwortlich ist. So habe das Zentrum seit eineinhalb Jahren rund um die Uhr eine Notaufnahme, 365 Tage im Jahr. Im Frühjahr dieses Jahres hätten ihn Père Antoine Exelmans und Azarias Lumbela, der das Projekt für die evangelische Kirche betreut, wissen lassen: "Wir können keinen obdachlosen Jugendlichen mehr abweisen." Als Folge seien schon mal bis zu 260 Jugendliche im Zentrum gewesen.

Dass Père Antoine Exelmans nun den Aachener Friedenspreis erhalte, sei "ein schönes Zeichen der Kontinuität und weiteren Anerkennung" für die kirchliche Flüchtlingsarbeit in Marokko, sagte Schwabe. Bereits 2015 erhielten nämlich Azarias Lumbela, heute Projekt-Koordinator, damals noch Jurastudent, und zwei weitere Studenten aus Madagaskar und Ghana, ebenfalls auf Vorschlag des Kirchenkreises Jülich, den Aachener Friedenspreis. Sie wurden für ihr ehrenamtliches Engagement in der Flüchtlingsarbeit der evangelischen Kirche in Marokko geehrt.