16.05.2020

Vom Heldengedenken zum Mahnmal für den Frieden

epd

Völlen/Kr. Leer (epd). In dem Dorf Völlen bei Leer ist ein Kriegerdenkmal zu einem Mahnmal für den Frieden umgewidmet worden. Auf dem Stein mit den Namen der Männer aus dem Ort, die im Ersten und Zweiten Weltkrieg getötet wurden, befindet sich auch der Name des SS-Mannes Johann Niemann, sagte der Vorsitzende des Bürgervereins Völlen, Günther Eden, dem epd. Niemann (1913-1943) war als stellvertretender SS-Kommandant des Vernichtungslagers Sobibor in Polen für die Ermordung von Juden, Sinti, Roma und Kriegsgefangenen verantwortlich.

Der Verein stellte am Samstag neben dem Kriegerdenkmal eine Informationstafel auf, die an dieses historische Kapitel erinnert. Über den Namen Niemanns auf der Gedenkplatte ließen die Mitglieder eine Plexiglasscheibe mit einem Pfeil montieren, der den Namen verdeckt und zugleich auf die Info-Tafel hinweist. Bereits vor einigen Tagen hatte der Verein über den alten Schriftzug "Unseren gefallenen Helden" eine Steinplatte mit den Worten "Nie wieder" setzen lassen.

Der in Völlen geborene SS-Untersturmführer Johann Niemann, von Beruf Maler, war dem Regionalhistoriker Hermann Adams zufolge ab 1934 im emsländischen Konzentrationslager Esterwegen sowie im KZ Sachsenhausen bei Berlin eingesetzt und anschließend als Leichenverbrenner in der NS-Tötungsanstalt in Bernburg an der Saale. Der NSDAP müsse Niemann bereits früh aufgefallen sein, weil er zur Ausbildung in die NS-Ordensburg Vogelsang in die Eifel geschickt worden sei, einer Schulungsstätte für den Nachwuchs des NSDAP-Führungskaders, sagte Adams.

Im Rahmen der "Aktion Reinhardt", der Ermordung von bis zu 1,8 Millionen polnischen Juden und Roma, war Niemann laut Adams im Vernichtungslager Belzec in Polen tätig, bis er dauerhaft in das Vernichtungslager Sobibor versetzt wurde. Dort hatte er zeitweise die Funktion des diensthabenden Lagerkommandanten inne. Bei einem Gefangenenaufstand am 14. Oktober 1943 wurde er dort von einem Häftling mit zwei Axthieben erschlagen. 

Bei seinen Recherchen zur NS-Geschichte in der Region sei er zufällig auf einen Enkel Niemanns gestoßen, der einen anderen Namen trage, sagte Adams dem epd. Auf dessen Dachboden fanden die beiden vor fünf Jahren zwei Fotoalben Niemanns mit mehr als 300 Bildern. Niemann habe darin seine ganze Karriere in der SS mit zum Teil grausamen Bildern dokumentiert. Für Historiker sei dies ein besonderer Fund, da die Experten bis dahin davon ausgingen, dass es keine Fotos aus dem Lager Sobibor mehr gebe.

Auf der neuen Informationstafel seien die Geschichte des Denkmals und die Verbrechen Niemanns dokumentiert, ergänzte Günther Eden vom Bürgerverein. Der Verein habe sich bewusst dagegen entschieden, den Namen einfach zu entfernen. "Die Erinnerung an seine unsäglichen Verbrechen kann und darf man nicht einfach auslöschen." Das Mahnmal solle an das Leid der Hinterbliebenen erinnern und deutlich machen, dass Rassismus, Antisemitismus, Verfolgung und Hetze in unserer Gesellschaft keinen Platz mehr hätten. "Es soll ein Mahnmal sein gegen Machtgier und Intoleranz und für einen respektvollen Umgang miteinander."