17.01.2020

"Smartphone ist Scharnier zu neuen Formen der Beteiligung"

Katrin Nordwald
epd

Bielefeld (epd). Auf dem wegen seiner Tanz- und Playback-Videos bei Jugendlichen beliebten Portal Tiktok macht sich schwarzer Humor breit: Seit Beginn des Konflikts zwischen den USA und dem Iran posten dort Nutzer weltweit unter dem Hashtag #worldwar3 oder #WWIII oft ironische Bilder über einen möglichen Dritten Weltkrieg. Auch auf Twitter werden sie millionenfach geteilt. Nach Auffassung des Bielefelder Jugendforschers Ullrich Bauer sprechen die sogenannten Memes von ernstzunehmender Besorgnis. Es wäre falsch, die Inhalte als oberflächlich abzutun, sagte der Wissenschaftler dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Bielefeld. 

Die aktuelle Meme-Kommunikation habe natürlich mit Donald Trump zu tun, er stehe häufiger im Mittelpunkt, sagte Bauer. "Ich denke, es ist aber auch ein Bestandteil einer gewissen Überforderung mit den Ereignissen." Die Forschung spreche hier von den "Semantiken der Krisen". Viele der Jugendlichen, die in den sozialen Medien aktiv sind, schöpften lediglich die Schlagzeilen ab. In diesem Fall genüge das, um zu erkennen, dass es sich um etwas mit Folgen handelt. Fakten und Sachlichkeit blieben außen vor. 

Weil ernste Nachrichten auf Twitter und Co. kaum wahrgenommen werden, griffen die jungen Nutzer zu der dort verbreiteten Kommunikationsstrategie. Der leicht ironische Unterton gehöre in den sozialen Medien und zur Jugendkultur heute dazu. "Nirgends sehen wir das so komprimiert wie in den Memes", erklärte der Wissenschaftler.

"Ich bin sicher, dass viele Memes von besorgten Jugendlichen versendet werden, aber ironisch gebrochen", sagte der Professor für Sozialisationsforschung weiter. Wenn darauf dann mit Ironie geantwortet werde, sei das für sie entlastend. Obwohl nicht in allen Ländern gleichmäßig intensiv über die erneute Eskalation in Nahost berichtet würde, tauchten Memes zum Thema mittlerweile weltweit auf. Das sei überraschend und müsse zu denken geben, meint der Dekan der Fakultät für Erziehungswissenschaften an der Universität Bielefeld. 

Das zunehmende Interesse an Politik fällt seinen Worten zufolge zusammen mit dem abnehmenden Vertrauen in politische Vertreterinnen und Vertreter. "Das Smartphone ist historisch gesehen das Scharnier zu neuen Formen der Beteiligung", erklärte Bauer, der unter anderem zur Auswirkung von Krisen auf Kinder und Jugendliche forscht. Es sei wichtig, dass diese Äußerungen wahrgenommen und Angebote für eine weitere Auseinandersetzung geschaffen würden - in den Medien, im Unterricht und zu Hause am Küchentisch. 

Eltern sollten vor allem bei den jüngsten Tiktok-Konsumenten dran bleiben, die die #www3memes stark verunsichern könnten. "Man braucht nicht besonders jung oder sensibel zu sein, um vor einem Weltkrieg Angst zu haben", gibt der Jugendforscher zu bedenken. Darauf aufmerksam zu reagieren, diffuse Botschaften zu Krisenberichten einzuordnen und Jugendliche handlungsfähig zu machen, sollte normal sein.