23.03.2020

"Ostermärsche haben die Gesellschaft mitgeprägt"

Rainer Hofmann
epd

Düsseldorf (epd). Die Ostermärsche spielen nach Einschätzung des Politologen Gregor Hofmann auch 60 Jahre nach ihrer Premiere in Deutschland noch eine wichtige gesellschaftliche Rolle. Sie seien für die Friedensbewegung identitätsstiftend, "daher werden auch weiterhin Menschen auf die Straße gehen, um für eine bessere, friedlichere Welt zu demonstrieren", sagte der Wissenschaftler des Leibniz-Instituts Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung dem Evangelischen Pressedienst (epd). Zu einer Massenbewegung wie in den 80er Jahren werde es aber nicht mehr kommen. 

Die Ostermärsche seien das bekannteste Sprachrohr der Friedensbewegung und hätten die deutsche Gesellschaft seit dem ersten Ostermarsch 1960 in der Lüneburger Heide mitgeprägt, sagte Hofmann. Die Proteste hätten dazu beitragen, die Friedensforschung zu etablieren und einen zivilen Friedensdienst zu entwickeln. Auch die Demonstrationen gegen die Wiederbewaffnung, atomare Rüstung, den Vietnamkrieg, den Nato-Doppelbeschluss oder den Irak-Krieg hätten sich auf die deutsche Politik ausgewirkt.

Thematisch stand nach Hofmanns Worten die Forderung nach einer atomwaffenfreien Welt am Anfang der Bewegung. Seither seien immer wieder neue, aktuelle Themen aufgegriffen worden bis zu Kooperationen mit der Bewegung "Fridays for Future" im vergangenen Jahr. Junge Leute ließen sich allerdings von einem bedingungslosen Pazifismus kaum ansprechen, erklärte Hofmann. Sie fühlten sich eher durch die Einschränkung ihrer persönlichen Freiheit oder den Klimawandel bedroht.

Auch die klassischen Protestformen der Friedensbewegung seien für jüngere Menschen wenig attraktiv: "In ihren Protesten spielen die sozialen Medien, Workshops, Happenings oder Online-Petitionen eine ebenso große Rolle wie Demonstrationen." Angesichts zunehmender Konflikte, eines neuen Wettrüstens und der Flüchtlingssituation könnten Ostermärsche gleichwohl wieder etwas mehr Zulauf finden.

Dass die Ostermärsche wegen der Corona-Krise in diesem Jahr nur virtuell stattfinden können, wird die Friedensbewegung nach Einschätzung des Forschers nicht schwächen. "Sie wird getragen von zahlreichen Einzelpersonen und vielen kleineren Vereinen sowie größeren Organisationen, in denen sich Menschen für friedensbezogene Themen einsetzen", sagte er. "Diese werden ihr Engagement für ihre verschiedenen Anliegen fortsetzen, auch wenn die Ostermärsche einmal ausfallen."

Das Interview im Wortlaut:

epd: Vor 60 Jahren fand der Ostermarsch in Deutschland statt. Welche Rolle spielten die Ostermärsche seither?

Hofmann: Die Ostermärsche spielen in Deutschland durchaus eine wichtige Rolle. Sie sind das bekannteste Sprachrohr der Friedensbewegung und haben auch die deutsche Gesellschaft mitgeprägt. Die Tatsache, dass Deutschland militärisch sehr zurückhaltend ist, eng mit anderen Staaten zusammenarbeitet und es in der Öffentlichkeit eine starke Skepsis gibt, was den Einsatz von staatlicher Gewalt anbelangt, hat nicht nur mit den Erfahrungen aus der deutschen Geschichte zu tun, sondern auch mit den Protesten der Friedensbewegung. Sei es bei der Frage nach der Wiederbewaffnung, der atomaren Rüstung, dem Vietnamkrieg, den Protesten gegen den Nato-Doppelbeschluss oder der Irak-Krieg.

Immer wieder trieb dies die Menschen auf die Straße und zeigte Auswirkungen auf die deutsche Politik. Und die Ostermarschbewegung war ein wichtiger Teil davon. Man darf dabei nicht nur auf die Teilnehmerzahlen blicken. Die Friedensbewegung hat auch institutionell einges erreicht. Die Etablierung der Friedensforschung, die Entwicklung eines zivilen Friedensdienstes, die Zivile Konfliktbearbeitung, hier spielte die Friedensbewegung eine wichtige Rolle und oft waren Menschen aus der Ostermarschbewegung maßgeblich daran beteiligt. 

epd: Wie haben sich die Themen der Ostermärsche in den 60 Jahren verändert?

Hofmann: Die Ostermärsche spiegelten immer auch die Prioritäten der Friedensbewegung wider. Am Anfang stand die Forderung nach einer atomwaffenfreien Welt. Das ist auch heute nach wie vor wichtig. Doch in den folgenden Jahren wurden immer wieder auch aktuelle, neue Themen aufgegriffen. Dazu gehörten zuletzt die mutmaßliche Militarisierung der Europäischen Union, die Auslandseinsätze der Bundeswehr, der Syrienkonflikt, die Gefahren durch autonome Waffensysteme. All dies hat Menschen mobilisiert. Im vergangenen Jahr gab es zudem erste Kooperationen mit der Fridays for Future-Bewegung und es wurden somit Themen aufgegriffen, die derzeit viele junge Leute bewegen.  

epd: "Fridays for Future" bringt junge Menschen auf die Straße. Könnte die Ostermarschbewegung von diesen Protesten profitieren und auch Jugendliche begeistern?

Hofmann: Da bin ich unsicher. Ich glaube, dass sich viele Jugendliche nicht von einem bedingungslosen Pazifismus ansprechen lassen. Laut einer Befragung des Internationalen Roten Kreuzes befürchten mehr als die Hälfte der jungen Menschen in den nächsten zehn Jahren den Einsatz einer Atomwaffe und ebenso viele glauben auch, dass sie den Dritten Weltkrieg noch erleben. Dennoch spielen diese klassischen Bedrohungen in ihrer Wahrnehmung offenbar keine so große Rolle, dass sie deswegen auf die Straße gehen würden. Bedroht fühlen sie sich eher durch die Einschränkung ihrer persönlichen Freiheit oder den Klimawandel. In der Friedensbewegung haben sie zudem vielleicht auch das Gefühl, von anderen Generationen dominiert zu werden, zumal der Klimawandel dann nur noch ein Thema unter vielen wäre.

epd: Wie attraktiv sind denn Ostermärsche überhaupt für junge Menschen?

Hofmann: Ich habe den Eindruck, dass die klassischen Protestformen der Friedensbewegung wie der Ostermarsch jüngere Menschen eher weniger ansprechen. In ihren Protesten spielen die sozialen Medien, Workshops, Happenings oder Online-Petitionen eine ebenso große Rolle wie Demonstrationen. Außerdem engagieren sich viele jüngere Menschen lieber spontan. Ich könnte mir aber durchaus vorstellen, dass die Ostermärsche wieder etwas mehr Zulauf finden. Denn die Angst vor einem Wettrüsten, die Flüchtlingssituation, die zunehmende Zahl von Konflikten, das treibt schon viele Menschen um, auch jüngere. Aber zu einer Massenbewegung wie in den 1980er-Jahren wird es sicher nicht kommen.

epd: Glauben Sie, dass die Ostermärsche über die 60 Jahre hinaus dennoch eine Zukunft haben?

Hofmann: Proteste wie die Ostermärsche sind gerade dann wichtig, wenn wir vor großen existenziellen Herausforderungen stehen. Das zeigte sich beispielsweise 2003 beim Irak-Krieg, der viele Menschen auf die Straßen führte. Die nukleare Aufrüstung, kriegerische Konflikte auch in unserer Nähe, eine drohende Spirale der Aufrüstung, das bewegt auch jetzt wieder Menschen. Und hier spielen die Ostermärsche sicher eine Rolle. Doch auch für die Friedensbewegung sind die Ostermärsche eine wichtige Ausdrucksform für ihren Protest, und sie sind für die Friedensbewegung identitätsstiftend. Daher bin ich mir sicher, dass es die Ostermärsche weiterhin geben wird. Die Welt ist leider nicht in einem guten Zustand, daher werden auch weiterhin Menschen auf die Straße gehen, um für eine bessere, friedlichere Welt zu demonstrieren.

epd: Durch die Corona-Pandemie müssen in diesem Jahr alle Ostermärsche abgesagt werden. Glauben Sie, dass dies auch langfristig Auswirkungen auf die Proteste der Friedensbewegung hat?

Hofmann: Um die Ausbreitung von Covid-19 zu verlangsamen, ist eine Absage der diesjährigen Ostermärsche sinnvoll und notwendig. Es gilt, alle unnötigen sozialen Kontakte zu vermeiden. Zumal viele derer, die sich an den Ostermärschen beteiligen, der älteren Generation angehören. Langfristig wird dies die Friedensbewegung aber meiner Ansicht nach nicht schwächen. Sie wird getragen von zahlreichen Einzelpersonen und vielen kleineren Vereinen sowie größeren Organisationen, in denen sich Menschen für friedensbezogene Themen einsetzen. Diese werden ihr Engagement für ihre verschiedenen Anliegen fortsetzen, auch wenn die Ostermärsche einmal ausfallen. Das Netzwerk Friedenskooperative arbeitet außerdem bereits an einem Konzept für einen virtuellen Ostermarsch. Vielleicht können wir somit in diesem Jahr sogar eine ganz neue Form des Protestes für den Frieden beobachten.