05.11.2020

Nach 50 Jahren an das Schicksal von Kriegsdienstverweigerern erinnert

Dieter Junker
EAK/Connection
Titelseite "Gegen mein Gewissen"

Avant-Verlag

Titelseite der grafischen Erzählung "Gegen mein Gewissen"

05.11.2020
EAK/Connection

Es war ein Fall, der in den 1970er Jahren bundesweit Schlagzeilen machte und eine Debatte über die Rechtmäßigkeit der Gewissensprüfung für die Kriegsdienstverweigerung in Deutschland auslöste. Hermann Brinkmann hatte nach mehrmals vergeblichen Versuchen, als Kriegsdienstverweigerer anerkannt zu werden, Suizid begangen. In der grafischen Erzählung „Gegen mein Gewissen“ arbeitet seine Nichte Hannah Brinkmann nun 50 Jahre später das Schicksal ihres Onkels auf. Diese Woche wurde das für den Leibinger-Preis nominierte Buch vom Verlag in Berlin veröffentlicht.

Hannah Brinkmann hat ihren Onkel nie kennengelernt. Erst als ihre Großmutter starb, entdeckte sie im Nachlass die Todesanzeige in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in der damals der Fall öffentlich gemacht wurde. „Als ich das sah, habe ich mich das erste Mal gefragt, was das überhaupt bedeutet. Ich hatte vorher noch nie von Kriegsdienstverweigerung gehört, wusste nichts von der Problematik“, erzählt sie. Rasch entstand die Idee, diesen Fall erneut bekanntzumachen.

„Irgendwie war mein Onkel in der Familie immer präsent. Ich wusste, dass er Suizid begangen hatte. Aber die Entscheidung, ein Buch daraus zu machen, entstand erst, als ich mich mit den politischen Dimensionen auseinandersetzte und erfahren habe, was Kriegsdienstverweigerern in Deutschland in dieser Zeit passiert ist“, so die Autorin. Und so wird diese grafische Erzählung nicht nur eine Erinnerung an ein Familienschicksal, sondern die Darstellung eines Unrechts, das viele junge Männer erlitten haben, weil sie ihrem Gewissen folgten, aber nicht als Kriegsdienstverweigerer anerkannt wurden.

In ihrem Buch schildert Hannah Brinkmann eindringlich den Stress und die Demütigungen, die die Betroffenen in den Prüfungsverfahren vor oft voreingenommenen Prüfungsausschüssen erleiden mussten. In den Illustrationen erfährt der Leser von den Schwierigkeiten, die auf Kriegsdienstverweigerer wartete, von Vorurteilen und persönlichen Belastungen, denen sie ausgesetzt waren.

„Es ist gut, dass auf diese Weise nochmals bewusst gemacht wird, was es in diesen Jahren hieß, seinem Gewissen zu folgen und wie oft diesen Menschen Unrecht geschah“, betont Rudi Friedrich von Connection e. V., einem Verband, der sich für die Rechte von Kriegsdienstverweigerinnen und Kriegsdienstverweigerern weltweit einsetzt. „Aber es ist auch ein Beitrag dazu, auf das Schicksal vieler junger Menschen in vielen Ländern der Welt hinzuweisen, die aufgrund der Ausübung ihres Menschenrechts auf Kriegsdienstverweigerung verfolgt, bestraft, ins Gefängnis gesteckt und schikaniert werden. Denn leider ist Kriegsdienstverweigerung in vielen Ländern weiterhin nicht selbstverständlich. Im Gegenteil. Sie werden oft dazu gezwungen, gegen ihren Willen einen Dienst mit der Waffe abzuleisten“, fügt er hinzu.

Für Maike Rolf, Referentin bei der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für KDV und Frieden (EAK), erfüllt das Buch noch einen weiteren wichtigen Zweck. „Ich gehöre einer Generation an, in der die Wehrpflicht keine Rolle mehr spielt. Gerade darum ist es wichtig, dass durch ein solches Buch hier das Bewusstsein für das in unserem Grundgesetz garantierte Grundrecht auf Kriegsdienstverweigerung geweckt wird und klar wird, dass die Ausübung dieses Grundrechts nicht selbstverständlich ist“, macht sie deutlich. Und es dürfe nicht vergessen werden, dass auch heute noch, auch nach Aussetzung der Wehrpflicht, Soldaten und Soldatinnen ihrem Gewissen folgen und den Dienst mit der Waffe verweigern. „Und auch diese sind nach wie vor Schikanen ausgesetzt bei der Ausübung ihres Grundrechts“, so Maike Rolf.

Und für Hannah Brinkmann ist noch etwas wichtig: „Gerade in einer Zeit, wo von Politikerinnen und Politikern wieder die Einführung der Wehrpflicht gefordert wird, ist es gut, dass auch an das Schicksal von Kriegsdienstverweigerern erinnert wird. Denn dies wird bis heute gern verschwiegen.“

Hannah Brinkmann: Gegen mein Gewissen. Berlin 2020 (Avant-Verlag), 232 Seiten, ISBN 978-3-96445-040-1, 30 Euro, www.avant-verlag.de, wwwhannahbrinkmann.com

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