06.05.2020

Historiker kritisiert offizielles Gedenken am 8. Mai

Lukas Philippi
epd

Berlin (epd). Der Direktor des Deutsch-Russischen Museums Berlin-Karlshorst, Jörg Morré, hat das offizielle Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkrieges kritisiert. "Ich vermisse von der Bundesregierung eine große Geste in die Welt", sagte Morré in Berlin dem Evangelischen Pressedienst (epd). "Das Kriegsende vor 75 Jahren ist in vielen Ländern, nicht nur in der Russischen Föderation und in Polen, ein wichtiges Ereignis." Corona-bedingt seien die Feierlichkeiten zur Befreiung vom Nazi-Regime zwar weitgehend abgesagt. Aber auch schon vor Ausbruch der Pandemie habe es etwa im Auswärtigen Amt keine großen Pläne für den 8. Mai gegeben, sagte Morré. 

Zum 75. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus am 8. Mai planen die Spitzen der deutschen Verfassungsorgane eine gemeinsame Gedenkveranstaltung an der Neuen Wache in Berlin. Anschließend will Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eine Ansprache halten. Der 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs sollte ursprünglich mit einem Staatsakt im Berliner Regierungsviertel begangen werden. Wegen der Coronavirus-Pandemie wurde dieser bereits Mitte März abgesagt. 

Morré betonte, "die Bundespolitik ist ziemlich desorientiert, was den Umgang mit dem 8. Mai angeht. Sie hat es versäumt sich bei denjenigen zu erkundigen, die es ihnen hätten erklären können", so der ausgewiesene Osteuropa-Historiker. Weiter sagte Morré: "Auch in der Gesellschaft gibt es Wahrnehmungsdefizite bei der Erinnerung an den deutschen Angriffskrieg 1941 auf die Sowjetunion. Dieser Vernichtungskrieg hat Millionen Tote hinterlassen und wirkt bis heute nach."

In der Debatte um ein mögliches Dokumentationszentrums über die deutsche Besatzungsherrschaft in Europa zwischen 1939 und 1945 und über weitere Denkmäler für einzelne Nationen wie etwa Polen oder Ukraine verwies Morré auf die Expertise im eigenen Haus. Das Deutsch-Russische Museum leiste seit 25 Jahren historisch-kritische Aufarbeitung und Versöhnung mit Russland und anderen osteuropäischen Staaten: "Das wird aber nicht zur Kenntnis genommen, weil mancher in der Bundespolitik uns für eine Putin-Einrichtung hält." Dabei entgehe den Kritikern, "dass wir zu hundert Prozent von der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien finanziert sind". 

Hintergrund der Kritik seien die historischen Umstände, die mit dem Abzug der russischen Truppen 1994 aus Deutschland zur Gründung des Museums geführt haben. Morré verweist darauf, dass im Trägerverein des Museums neben deutschen und russischen Regierungsvertretern aber auch ukrainische und weißrussische Repräsentanten sitzen: "Das wird von der deutschen Politik aber zu wenig wahrgenommen."