16.09.2020

Eindrücke von einer Insel der Gegensätze

Lesbos im September 2020
Max Weber
EAK
Lesbos Friedhof

EAK-Referent Max Weber ist aktuell für das EAK-Projekt Safe Passage auf Recherchereise auf Lesbos. Er schildert seine Eindrücke, wenige Tage nachdem das Camp Moria abgebrannt ist:

 

Reife Feigen, Oliven und Granatäpfel hängen an den Bäumen, ein warmer Wind weht über das Meer, in der Ferne sind Häfen, Städte und Berge der türkischen Westküste zu sehen. Ein Paradies.

Hungernde und dürstende Menschen, Zuflucht und Schatten suchend um nicht gänzlich von der Sonne ausgebrannt zu werden, kilometerlange Wege für ein paar Liter Wasser, Hunderte Meter lange Schlangen, um vielleicht am Ende doch keinen Teller mit Essen zu bekommen. Kein Paradies.

Aber eine Insel. Eine Insel der Gegensätze. Kaum zu begreifen. Kaum zu beschreiben.

Die Situation im Süden der Insel Lesbos ist angespannt, nach Einschätzungen von NGOs und Geflüchteten werden in den nächsten Stunden oder Tagen die Geflüchteten in das neue Camp getrieben – wenn „nötig“, mit Gewalt. Die enorme Militär- und Polizeipräsenz auf der Insel, jedes sechste Auto auf den größeren Straßen ist ein gepanzertes Fahrzeug.

Bei den Geflüchteten mischen sich Angst und Unsicherheit, was nach den Bränden passiert, was das neue Camp heißt: ob es möglich ist, wieder hinauszukommen, welche Bedingungen damit verknüpft sind, ob die Versprechungen der Regierung stimmen, u.a. dass die Lager auf der Insel bis Ostern 2021 aufgelöst sein sollen. Dahinein mischt sich das Fehlen an Lebensnotwendigem, Wasser, Essen, Dach über dem Kopf. Die Aussichten oder Überlegungen wie in Deutschland, Menschen aufzunehmen, machen mancher*m Hoffnung, die Aussagen der griechischen Regierung, dass niemand die Insel verlassen wird, schaffen Frustration, Trauer, Wut. Bei Geflüchteten wie bei Einwohner*innen der Insel. Groteskerweise sind sich darin beide Gruppen einig - vielleicht zeigt aber auch gerade das die höchste Problematik.

„Moria is finished“ – Moria ist am Ende, diesen Satz hört man von Geflüchteten immer wieder. Ein Ort, an dem nicht selten vergammeltes und von Insekten durchsetztes Essen „gereicht“ wurde – und für manche*n Fetakäse über Monate hinweg das einzig Essbare war. Tag für Tag. Ein Ort, an dem Mauern und Zäune Alltag waren. Ein Ort, an dem Tausende und Abertausende in erniedrigender Weise, scheinbar verlassen von jeglicher Menschlichkeit, leben mussten. Moria is finished – und was kommt jetzt?

Die Befürchtung ist, dass die Situation sogar noch schlimmer wird als bisher und die Geflüchteten mit (militärischer) Gewalt und Härte in das neue Lager getrieben werden sollen. Erste Berichte darüber gibt es schon. Das macht es Menschen, die sich teils seit Tagen verstecken ohne Geld, ohne Wasser und Essen, noch schwieriger.

Manche Person will die "gewonnene Freiheit", zumindest nicht mehr in Moria eingesperrt zu sein, nutzen, um in das jeweilige Heimatland zurückzukommen. Was dort unter Umständen wartet...?

Viele Fragen, viel Unsicherheit, wenig Antworten. Die Antwort muss global sein, das ist hier in den Gesprächen immer wieder deutlich. Griechenland kann und wird das Thema Migration nicht lösen – wie auch? Die zurzeit regelmäßig stattfindenden Pushbacks, die von der EU-Kommission und der griechischen Regierung in Worten wie „Schutz der Grenzen“ gefeiert werden, sind gegen internationales Recht, eine Anzeige hierzu ist vor kurzem von NGOs aus Lesbos beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eingereicht worden.

Was bewegt Menschen dazu, ihre Lebensmittelpunkte aufzugeben und neues Land und eine neue Heimat zu suchen? Kriege, Konflikte und Gewalt sind offensichtlich. Klimawandel, Handelsabkommen und eine vom Weltmarkt abhängig gemachte Wirtschaft meistens nicht. Die Problematik um Moria ist größer als etwa 13.000 Menschen, die unter unmenschlichen Bedingungen lebten und leben. Größer als die vielen weiteren Camps, die es auf griechischen Inseln gibt, ob auf Chios, auf Samos und anderswo. Größer als die Camps und Lager in der Türkei, in Libyen und so vielen anderen Orten. Der Ansatz hierfür muss global gedacht sein.

Es kann kein „Weiter so!“ geben. Es darf kein „Weiter so!“ geben. Kein Zaun, weder um Geflüchtete wie in Moria oder in Vial auf Chios, noch zwischen Staaten und auch nicht der Einsatz von militärischen Frontexbooten wie sie hier in Griechenland zu sehen sind werden die Fragen beantworten.

Europa muss endlich beginnen, eine dauerhafte und menschenrechtskonforme Lösung zu erarbeiten, nicht für, sondern mit anderen Ländern. Und nicht gegen, sondern für Menschen.

 

 

Passend dazu rufen die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau, die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck und die Diakonie Hessen zu Spenden auf, die an die Partnerorganisation des EAK-Projekts Safe Passage, Lesvossolidarity, gehen:
Moria: Kirche und Diakonie Hessen rufen zu Spenden auf