23.06.2019

Renke Brahms: Artikel 16 des Augsburger Bekenntnisses erfordert eine kritische Auseinandersetzung

Dieter Junker
Evangelische Friedensarbeit
23.06.2019
Evangelische Friedensarbeit

Eine kritische Auseinandersetzung mit den Aussagen des Artikels 16 des Augsburgischen Bekenntnisses, wonach Christen rechtmäßig Kriege führen dürfen und diejenigen, die dem widersprechen, verdammt seien, hat der Friedensbeauftragte des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Renke Brahms, angemahnt. Dies könnte dann auch ein guter Anlass sein für eine Diskussion über die Frage der Schuldverstrickung bei der Übernahme von Verantwortung in Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit, betonte Brahms bei einer Sonntagsvorlesung im Wittenberger Predigerseminar.

„Anders als das Augsburgische Bekenntnis, das von rechtmäßigen Kriegen spricht, orientiert sich die evangelische Kirche heute am Leitbild des gerechten Friedens. Dabei geht es darum, vom Frieden her zu denken“, betont Renke Brahms. Dazu gehöre die Orientierung am Völkerrecht, einem grundsätzlichen Gewaltverbot und die Ächtung des Krieges als Geißel der Menschheit sowie eine Orientierung am Zusammenhang von Frieden und Gerechtigkeit mit dem Vorrang für gewaltfreie Instrumente der Konfliktlösung. „Einen gerechten Krieg kann es in dieser Rahmung nicht mehr geben“, unterstrich der EKD-Friedensbeauftragte. 

Der Artikel 16 der Confessio Augustana ist für Renke Brahms vor allem aber ein Anlass für eine Auseinandersetzung mit der Frage der Schuldverstrickung heute. „Dass Christen ohne Sünde politisch aktiv sein und Verantwortung in Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit übernehmen können, ist angesichts der reformatorischen Rechtfertigungsbotschaft und der Weltwirklichkeit nicht wirklich zu behaupten“, betont der EKD-Friedensbeauftragte und fügt hinzu: „Wir machen uns auch als von Gott Gerechtfertigte immer wieder schuldig.“

Dies dürfe aber nicht zu einer leichtfertigen Schuldübernahme führen. Die Aussage, „ob wir militärisch eingreifen oder es unterlassen, macht uns so oder so schuldig“, dürfe nicht allein stehen bleiben. „Es ist immer friedensethisch zu prüfen, welche der Möglichkeiten die Bessere ist. Und eine Schuldübernahme ist immer auch eine tiefgehende Entscheidung, die nicht einfach schicksalhaft über uns kommt, sondern mit bewusster Entscheidung einhergehen muss“, macht Brahms, der auch der Theologische Direktor der Wittenbergstiftung ist, deutlich.

Friedensethisch seien die Kirchen der Reformation dabei einer Linie verpflichtet, die Krieg als „Geißel der Menschheit“ vermeiden müsse, den Vorrang der Gewaltfreiheit Jesu betone und alle Mittel einsetze, um den Frieden vorzubereiten. „Der Pazifismus der Täuferbewegung bleibt in den historischen Friedenskirchen und verschiedenen kirchlichen Gruppen die notwendige kritische Anfrage an alle Argumentationen für die Anwendung von Gewalt“, unterstreicht der EKD-Friedensbeauftragte. Denn ein christlich motivierter Pazifismus sei kein Raushalten, sondern eine höchst aktive Tätigkeit im Suchen und Entwickeln von gewaltlosen Wegen der Konfliktbearbeitung, so Brahms.

Eine kritische Auseinandersetzung erfordert nach Ansicht des Theologen auch die in der Bekenntnisschrift zu findende Verdammung der „Wiedertäufer“. „Dabei kann es nicht um ein Verstecken der ursprünglichen Formulierungen oder um kleine Anmerkungen auf Internetseiten gehen“, betont der EKD-Friedensbeauftragte: „Es braucht vielmehr eine inhaltliche Kommentierung.“ Hilfreich seien hier beispielsweise die Dokumente des Versöhnungsprozesses von Lutherischem Weltbund und der Weltgemeinschaft der Mennoniten, die eine „beispielshafte Aufarbeitung der Geschichte voller Verletzung spiegeln“, so Brahms. Auch der Versöhnungsbund habe hier wichtige Vorschläge erarbeitet.

Allerdings gehört nach Auffassung von Renke Brahms dazu auch eine genauere Würdigung und eine kritische Betrachtung der Täuferbewegung. Der „linke Flügel der Reformation“ habe beispielsweise einen radikalen Pazifismus vertreten und die Zwei-Reiche-Lehre abgelehnt, sei aber in der Kirchengeschichte nur wenig beachtet worden. „Es ist an der Zeit, diese Seite der Reformation hervorzuheben und bei aller notwenigen kritischen Auseinandersetzung zu würdigen und für die heutige Diskussion fruchtbar zu machen“, ist der EKD-Friedensbeauftragte überzeugt. Aber der linke Flügel der Reformation habe sich auch in so radikaler Weise von jeglicher weltlicher Verantwortungsübernahme und Macht distanziert, dass er keine Antwort auf die Frage christlicher Gestaltungsaufgabe im Staat zu geben vermochte, gibt Brahms zu bedenken. Auch dies gelte es zu bedenken.

Das Augsburgische Bekenntnis von 1530 (Confessio Augustana) gehört zu den wichtigsten Bekenntnisschriften vor allem der evangelisch-lutherischen Kirchen. Es wurde von Philipp Melanchthon verfasst und auf dem Reichstag in Augsburg verlesen.