21.02.2019

Kritik an Rückzug von Stadt und Uni vom Göttinger Friedenspreis

epd

Göttingen (epd). Die Entscheidung der Stadt, der Universität und der Sparkasse Göttingen, die Verleihung des Göttinger Friedenspreises 2019 an den Verein "Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost" nicht zu unterstützen, stößt auf Kritik. Der Göttinger Jura-Professor Kai Ambos sagte am Donnerstag, er könne den Boykott "nicht nachvollziehen." Ambos, der auch Richter am Kosovo-Sondertribunal in Den Haag war, betonte: "Die Verleihung eines Preises an eine jüdische Organisation wird wegen deren angeblichen Antisemitismus boykottiert."

Zuvor hatten unter anderen der Zentralrat der Juden in Deutschland und der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, die "Jüdische Stimme" als antisemitisch kritisiert. Sie begründeten das mit einer Nähe des Vereins zur Boykott-Kampagne BDS (Boykott, Desinvestitionen, Sanktionen) gegen Israel. Die Bewegung "Boycott, Divestment and Sanctions" ruft international immer wieder zu Boykottaktionen gegen Israel auf. Daraufhin zogen die Göttinger Universität, Stadt und Sparkasse ihre Unterstützung für die Preisverleihung zurück. Sie kann deshalb nicht wie sonst in der Aula der Hochschule stattfinden.

Die "Jüdische Stimme" sei Teil eines Verbunds europäischer Juden, die sich für einen gerechten Frieden in Nahost einsetzten, sagte Ambos, der unter anderem Professor für internationales Strafrecht ist. Wie viele andere jüdische und nicht-jüdische Organisationen versuche der Verein, zwischen den Extrempositionen zu vermitteln. Frieden in Nahost und anderswo sei nur durch Vermittlung und Kompromissbereitschaft möglich. Dies als "antisemitisch" zu diffamieren, sei zurückzuweisen, sagte Ambos. Mit ihrer Entscheidung, sich von der Preisverleihung zurückzuziehen, mache sich die Universität "die Position derjenigen zu eigen, die die 'Jüdische Stimme' als antisemitisch bezeichnen". 

Der Bielefelder Konflikt- und Gewaltforscher Wilhelm Heitmeyer sagte, der Einsatz für Menschenrechte sei nicht antisemitisch. Es gehe um die Gleichwertigkeit und psychische wie physische Unversehrtheit aller Menschen. Ihm sei nicht bekannt, dass sich die "Jüdische Stimme" gegen das Existenzrecht des Staates Israel ausspreche - im Gegenteil. Das sei für ihn der entscheidende Punkt, um den Verein als Preisträger zu unterstützen. Heitmeyer hatte den Göttinger Friedenspreis 2012 erhalten.

Die Stiftung Dr. Roland Röhl, die den Göttinger Friedenspreis vergibt, hält unterdessen ungeachtet des Rückzugs von Stadt, Universität und Sparkasse an der Verleihung des Preises an die "Jüdische Stimme" fest. Die Preisübergabe am 9. März werde an einem anderen Ort stattfinden. Der Stiftungsvorsitzende Hans-Jörg Röhl bot am Donnerstag gleichzeitig an, Kritiker und Befürworter des Preisträgers miteinander ins Gespräch zu bringen. Die Stiftung sei bereit, an der Organisation eines Austauschs "gerne auch im zeitlichen Umfeld der Preisverleihung" mitzuwirken.