22.11.2019

Frieden schaffen ohne Waffen

Wolf-Dieter Vogel
epd

Tapachula (epd). Mindestens 30 Lebensläufe und Schicksale hört Ana Elena Barrios jeden Tag. Berichte von Flüchtlingen, die vergewaltigt, verfolgt oder gefoltert wurden. Und Erzählungen von Migranten, die ihr Zuhause verlassen mussten, weil das Feld wegen des ausbleibenden Regens zu wenig Ernte einbrachte oder der Lohn in der Fabrik die Familie nicht mehr ernährte. "Diese vielen Berichte waren schon immer schwierig zu ertragen", sagt die Mexikanerin, "aber früher sahen wir wenigstens Licht am Ende des Tunnels."

Heute aber werde kaum mehr ein Einreiseantrag genehmigt. "Was machst du, wenn dich eine Frau nach der Ablehnung mit ihren zwei Kindern anschaut und nicht weiß, wie es weitergehen soll?", fragt Barrios, Mitarbeiterin im Menschenrechtszentrum Fray Matías de Córdova in der südmexikanischen Stadt Tapachula. Die Organisation hilft Flüchtlingen und Migranten, die über die nahe gelegenen Grenze zu Guatemala ankommen.

Oft ist Barrios selbst den Tränen nahe. Und: "Die Mitarbeiter von Fray Matías sind selbst zahlreichen Risiken ausgesetzt, etwa Drohungen von Polizisten und Nationalgardisten, sexueller Gewalt und der Gefahr, an der gefühlten Sinnlosigkeit ihres Tuns zu verzweifeln", sagt die Psychologin Clemencia Correa. Die 54-Jährige ist Leiterin der Organisation Aluna, die Aktivisten psychosozial begleitet und ihnen hilft, sich emotional zu schützen. Regelmäßig reist Correa nach Tapachula. 

Mit dabei ist Stefania Grasso, die im Rahmen des Zivilen Friedensdienstes (ZFD) von Bundesregierung und deutschen Friedens- und Entwicklungsorganisationen bei Aluna tätig ist. "Wir analysieren den Kontext der Gewaltverhältnisse", erklärt die 36-Jährige, "und suchen Wege, damit Fray Matías weiter agieren kann." Grasso ist eine von sieben ZFD-Fachkräften in Mexiko. 

Am 22. November ist es genau 20 Jahre ist es her, dass die ersten Fachkräfte mit diesem vom Bundesentwicklungsministerium finanzierten Programm in ihre Partnerländer reisten. Es war die Zeit nach den Jugoslawien-Kriegen und des Genozids in Ruanda. Damals hatte sich gezeigt, dass ethnische, politische und religiöse Konflikte nicht allein militärisch zu lösen sind. Im Gegenteil: Kriege führten in erster Linie zu weiterer Gewalt. Um Prozesse der friedlichen Überwindung von Konflikten anzuschieben und dauerhaft zu stärken, entwickelten die Bundesregierung und ihre Partner das ZFD-Programm.

Gemeinsam mit lokalen Akteuren der Zivilgesellschaft unterstützen seither Fachkräfte Projekte, die mit zivilen Mitteln sozialen Wandel voranbringen und Gewalt eindämmen sollen. Sie vermitteln zwischen verfeindeten Gruppen, helfen bei der Vergangenheitsaufarbeitung, bilden Medienschaffende aus, unterstützen traumatisierte Verbrechensopfer oder begleiten Menschenrechtsaktivisten. Seit 1999 waren rund 1.400 Fachkräfte in knapp 60 Ländern tätig.

"Der ZFD gilt als Erfolgsmodell der Kooperation von staatlichen und nichtstaatlichen Trägern der Entwicklungs- und Friedensarbeit", resümiert das Entwicklungsministerium. Das 20-jährige Bestehen feiert das Ministerium mit einer Veranstaltung am 4. und 5. Dezember in Berlin. 

Dabei ist auch Aluna-Leiterin Correa, deren Organisation mit "Brot für die Welt" kooperiert. Sie wird darüber berichten, wie Aluna Spielräume öffnet, damit Menschenrechtsverteidiger auch unter schwierigsten Bedingungen agieren können. Dabei gehe es um kleine Schritte und langfristige Prozesse, betont ihre Kollegin Grasso: "Dass Fray Matías trotz der sich immer weiter zuspitzenden Lage überhaupt noch arbeitet, ist schon ein großer Erfolg."

Hintergrund:

Der Zivile Friedensdienst (ZFD) ist ein Programm für Gewaltprävention und Friedensförderung in Krisen- und Konfliktregionen. Er wurde 1999 als Gemeinschaftswerk von deutschen Friedens- und Entwicklungsorganisationen und dem Bundesentwicklungsministerium (BMZ) ins Leben gerufen und feiert seinen 20. Geburtstag am 4. Dezember in Berlin. 

Beim ZFD arbeiten staatliche Stellen mit privaten und kirchlichen Hilfswerken zusammen. Sie entsenden deutsche Fachleute in Krisengebiete in aller Welt, um in ziviler Konfliktbearbeitung zu schulen. Die Arbeit ist dem ZFD zufolge vielfältig und ganz der Situation und dem Bedarf angepasst: Zu den Themen zählen demnach etwa Menschenrechte oder psychosoziale Betreuung ebenso wie Medienschulungen, die Ansatzpunkte sind Dialogforen und Friedensverhandlungen ebenso wie juristische Aufarbeitung oder Versöhnung mit dem ehemaligen Feind. Insgesamt setzt der ZFD auf gesellschaftliche Veränderungen in den Partnerländern und somit auf mittel- und langfristige Wirkung.

Neun deutsche Friedens- und Entwicklungsorganisationen, darunter "Brot für die Welt", Misereor oder die staatliche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), führen den Dienst gemeinsam mit lokalen Partnern durch. Aktuell arbeiten rund 330 internationale ZFD-Fachkräfte in 45 Ländern. Seit der Gründung 1999 waren etwa 1.400 internationale Fachkräfte in knapp 60 Ländern im Einsatz. Finanziert wird der ZFD vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). 2019 verfügt der Zivile Friedensdienst nach eigenen Angaben über 55 Millionen Euro.