24.01.2019

„Es ist gut, sich lokal, global und radikal für den Frieden einzusetzen“

Dieter Junker
Evangelische Friedensarbeit
Studientag 2019 Arnoldshain

Dieter Junker

Gewaltfreie Instrumente und Methoden zur Konfliktlösung sollten stärkere Beachtung finden. Dafür sprachen sich bei einem Studientag der evangelischen Friedensarbeit in der evangelischen Akademie in Arnoldshain Vertreter von Kirche und Politik aus (von links: Studienleiter Dr. Eberhard Pausch, EKD-Friedensbeauftragter Renke Brahms und der Bundestagsabgeordnete Ottmar von Holtz.

24.01.2019
Evangelische Friedensarbeit

Können gewaltfreie Instrumente und Methoden Konflikte lösen? Und wie kann es gelingen, dass solche Alternativen zu militärischen Mitteln mehr Beachtung finden in der Politik und in gesellschaftlichen Debatten? Mit diesen Fragen beschäftigte sich ein Studientag der evangelischen Friedensarbeit in der evangelischen Akademie in Arnoldshain.

„Die zivile Konfliktbearbeitung hat es nicht leicht, aber es lohnt sich auf jeden Fall, diesen Weg weiter zu gehen und ihn zu verstärken“, meinte Ottmar von Holtz, der Vorsitzende des Bundestags-Unterausschusses „Zivile Krisenprävention, Konfliktbearbeitung und vernetztes Handeln“ in Arnoldshain. Deutschland hätte den Anspruch, eine Friedensmacht zu sein, verspüre allerdings einen großen internationalen Druck, sich stärker militärisch zu engagieren, mahnte der Grünen-Bundestagsabgeordnete. 

Doch hier sei es wichtig, dass Deutschland klare Zeichen setze. „Wer, wenn nicht Deutschland mit seiner wirtschaftlichen Stärke und als großes Land, könnte sich stärker zivil engagieren?“, fragte von Holtz. Bundesaußenminister Heiko Maaß habe angekündigt, dass Deutschland als neues nicht-ständiges UN-Sicherheitsratsmitglied dieses Thema in die Vereinten Nationen einbringen wolle. „Das wird nicht einfach angesichts der Trumps, der Putins und vieler anderer, aber es muss getan werden“, betonte der Politiker. 

Zwar seien die Haushaltsmittel für zivile Konfliktlösungsstrategien in Deutschland in den vergangenen Jahren angehoben worden, aber vieles müsse und könne noch gemacht werden, war der Abgeordnete überzeugt. „Es sind viele Ministerien, die hier Finanzmittel haben, diese könnten besser koordiniert und dadurch effizienter eingesetzt werden. Es müsste bessere Absprachen geben, in Sachen Polizeieinsätze ist sicher auch noch etwas möglich“, machte von Holtz deutlich und sprach sich hier für ein stärkeres kohärentes Handeln aus. 

Eine wichtige Rolle spielen seiner Ansicht nach auch die Kirchen. „Wir brauchen die Zivilgesellschaft genauso wie die Kirchen oder soziale Gruppen. Ermutigen Sie uns in dieser Arbeit, bleiben Sie am Thema dran und verschaffen Sie sich Gehör. Und helfen Sie uns Politikern in diesem Politikfeld, wahrnehmbarer zu werden“, forderte der Abgeordnete die Studientagsteilnehmer auf.

Bei Renke Brahms, dem Friedensbeauftragten des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), traf er damit auf große Zustimmung. „Die aktuelle weltpolitische Lage mit ihren vielen Konflikten und Kriegen fordert die Friedensarbeit schon heraus“, machte Brahms deutlich. Kirchliche Organisationen hätten sich maßgeblich an der Entwicklung ziviler Konfliktlösungsansätze beteiligt und eingebracht, und das Thema spiele in der Kirche eine große Rolle, gab der EKD-Friedensbeauftragte in Arnoldshain zu verstehen. Dies alles gehöre zu den aktuellen Überlegungen in der Kirche, aber auch in der weltweiten Ökumene, sich auf den Weg hin zu einer Kirche des gerechten Friedens zu machen.

Dass gewaltfreier Widerstand durchaus erfolgreich sein kann, verdeutlichte in Arnoldshain Dr. Christine Schweitzer vom Bund für Soziale Verteidigung (BSV). Sie verwies dabei auf amerikanische Studien, wonach in den vergangenen 100 Jahren ziviler Widerstand deutlich erfolgreicher war als gewaltsame Mittel und dass zwischen 1972 und 2002 immerhin 70 Prozent von Umstürzen autoritärer Regime ein Ergebnis gewaltfreier Aufstände war. Ebenso gebe es Praxisbeispiele für Erfolge einer sozialen Verteidigung in Bürgerkriegen. Lediglich für den Erfolg von Friedensbewegungen bei der Verhinderung von Kriegen gebe es kaum Fälle, allerdings sei deren Arbeit oft notwendig gewesen für spätere friedliche Lösungen, unterstrich Schweitzer. 

„Gewaltfreies Handeln ist effektiv und kann auch von normalen Menschen praktiziert werden. Gewaltfreiheit und nicht Gewalt ist oft das letzte Mittel, aber die Verhinderung oder das Stoppen von Krieg ist eins der schwierigsten Handlungsfelder von sozialen Bewegungen“, resümierte Christine Schweitzer. Doch auch während bewaffneter Konflikte sei gewaltfreies Handeln als zivile Konfliktbearbeitung oder zum Schutz der Zivilbevölkerung sehr wichtig, fügte sie hinzu.

Wie erfolgreich, aber auch, wie vielfältig gewaltfreier Widerstand sein kann, zeigten in Arnoldshain mehrere Beispiele, die beim Studientag vorgestellt wurden. So die Aktionen des Zentrums für politische Schönheit, einem Zusammenschluss von Aktionskünstlern und Kreativen, die mit künstlerischen Interventionen wie beispielsweise dem Bau eines Holocaust-Mahnmals vor dem Haus eines AfD-Politikers auf Missstände aufmerksam machen und in dieser Form öffentlich Beachtung finden. Yasser Almaamoun vom Zentrum für politische Schönheit stellte diese Widerstandsform vor. Dr. Anthea Bethge informierte daneben über das Programm für zivilen Friedensdienst des christlichen Friedensdienstes EIRENE, Urs Erben vom Hamburger Institut für konstruktive Konfliktaustragung und Mediation stellte zudem die Frieden schaffende Stadtteilarbeit in einem heterogenen, multikulturellen Hamburger Bezirk vor.

Aber auch erfolgreiche Kampagnen gegen Apartheid in Südafrika, gegen Gewalt gegen Frauen und für eine Welt ohne Gewalt und Vergewaltigung, oder für die Abschaffung von Atomwaffen fanden in Arnoldshain ein interessiertes Publikum und stießen auf großes Interesse. Ursula Trautwein erinnerte an die langjährige Arbeit der Anti-Apartheid-Kampagne „Kauft keine Früchte aus Südafrika“, Antje Heider-Rottwilm stellte die Kampagne „Frauen in Schwarz“, heute „Donnerstags in Schwarz“ vor, die sich gegen Gewalt gegen Frauen wendet. Deutlich wurde hier vor allem die wichtige Rolle von Frauen in dieser gewaltfreien Kampagnenarbeit. Aber auch, dass die Anliegen dieser Projekte mittlerweile Teil des ökumenischen Pilgerweges für Gerechtigkeit und Frieden wurden. Eine Kampagne, die in jüngster Zeit viel Aufmerksamkeit fand und 2017 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, wurde von Martin Hinrichs präsentiert, die Kampagne für die Abschaffung von Atomwaffen (ICAN). 

Die Diskussionen dazu zeigten, dass diese Beispiele gewaltfreier Initiativen für den Frieden auch Anregungen waren und sind für die künftige kirchliche, gesellschaftliche und politische Arbeit, aber auch Mut machen, sich hier zu engagieren und einzubringen. „Auch Kirchen sind kampagnenfähig“, so einer der Teilnehmer. „Wir haben viel hier gelernt, wir haben aber auch gesehen, dass sich in den vergangenen Jahrzehnten vieles entwickelt hat und dass wir als Kirchen da durchaus auch in einer langen und großen Tradition stehen“, so der EKD-Friedensbeauftragte Renke Brahms.

„Es ist gut, dass es Menschen gibt, die sich in gewaltfreier Form lokal, global und radikal für den Frieden einsetzen“, betonte Dr. Eberhard Pausch, Studienleiter der Evangelischen Akademie Frankfurt. Frieden sei notwendig, Frieden sei möglich und der gewaltfreien Friedensstiftung müsse die Zukunft gehören, machte er deutlich. „Weil die Geschichte beweist, dass die zivile Friedensstiftung erfolgreicher ist als die Versuche, einen Frieden gewaltsam herbeizuführen“, so Pausch.