21.08.2019

Englisch oder Französisch?

Leonie Mielke
epd

Lindau (epd). Die Frau im lila-grünen Gewand, mit bordeauxroten Kopftuch und Goldschmuck hat sich die Workshops der interreligiösen Organisation "Religions for Peace" anders vorgestellt. "Wird bei den kleinen Veranstaltungen nicht übersetzt?", fragt Mariame Lookensey von der Elfenbeinküste leise auf Französisch. "Mein Schulenglisch ist ganz, ganz klein, ich verstehe nichts", sagt die Vizepräsidentin der muslimischen Frauen von der Elfenbeinküste. Sie presst ihre vollen Lippen aufeinander und malt Kreise in ihr Notizbuch. 

Die blonde Mexikanerin neben ihr hat von dem kleinen Drama nichts mitbekommen. In flotten Englisch skizziert die Jüdin Malka Izbitzki die Probleme Mexikos. "Wir sind sehr besorgt, es gibt zu viele Morde. Insbesondere Frauen werden ohne Grund umgebracht. Es gibt zu viele Machos", erklärt sie. Ein ihr gegenübersitzender mexikanischer Bischof im schwarzen Anzug nickt bedächtig.

13 religiöse Führer aus Südamerika, Europa und Afrika sitzen um den Tisch herum. Sie sind Teil eines Workshops bei der 10. Weltversammlung von "Religions for Peace" (Religionen für den Frieden) in Lindau. Mehr als 900 religiöse Spitzenvertreter suchen noch bis Freitag in verschiedenen Formaten nach Lösungen für aktuelle Konflikte. Teils sind die "Friedensberatungen" geheim, etwa wenn sich religiöse Führer aus Krisenregionen wie Myanmar oder dem Kongo austauschen. Es gibt aber auch zahlreiche offene Workshops. Die Runde um Lookensey debattiert gerade, wie gewalttätige Konflikte entschärft werden können. 

Grundlage ihrer Diskussion ist eine Forschungsarbeit der englischen Universität Winchester zum Thema "Friedensbildung". Die Forscher raten, zunächst den Konflikt zu analysieren. Was sind die Ursachen, strukturelle Ungerechtigkeiten wie Einkommen oder Geschlechterzugehörigkeit oder handelt es sich um Terrorismus? Wer sind die Treiber der Gewalt und welche Personen könnten sich denen als "Peacebuilder" mit Aktionen entgegenstellen? Die Workshop-Teilnehmer sollen diese Analyse grob für ihre Länder vornehmen. 

Lakshmi Vyas aus London, die Präsidentin des europäischen Hindu-Forums ist, pflichtet den Mexikanern bei. "Auch in London gibt es Ecken, in die man sich kaum traut", erzählt die Frau mittleren Alters, die einen knalligen orangefarbenen Sari trägt. Die Kriminellen kämen zu leicht an Messer und Schusswaffen.

Der italienische Präsident von "Religions for Peace", Luigi de Salvia, widerspricht. "Nein! Waffen sind nicht das Problem. Die Menschen werden nicht gewalttätig, weil sie leicht an Waffen kommen, sondern weil sie einsam und perspektivlos sind", ruft er. Zustimmendes Gemurmel kommt aus der Runde. 

Kurz darauf ergreift Lookensey das Wort. Sie will lieber auf Französisch von den Stammeskonflikten in der Elfenbeinküste erzählen. Nicht alle können ihr folgen, eine junge Tunesierin und ein Mann aus Benin wollen aber auch lieber auf Französisch diskutieren. Kurz entschlossen stellt sich der Präsident der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK), Christian Krieger, als Dolmetscher zur Verfügung. Die Runde wirkt erleichtert.

Schließlich sagt Pfarrer Lucas aus Kenia, dass die Ursache vieler Probleme darin liege, dass sich zu viele Eltern zu wenig um ihre Kinder kümmern. Die Londonerin Vyas und die Mexikanerin stimmen dem sofort lautstark zu. Auch von den anderen kommen Zustimmungsrufe und Nicken. Verantwortungsvolle Eltern und starke Familien als Voraussetzung für eine friedliche und gerechte Welt - dem können alle Nationalitäten und Religionen zustimmen.