07.11.2018

Weg der Versöhnung auf den Schlachtfeldern von einst

Florian Riesterer
epd

Frankenthal (epd). "In einem schlecht gebauten Backsteinkeller erlebte ich die bangsten Stunden meines Lebens", schreibt Friedrich Hauß über die Nacht des 4. Juli 1916. Und doch macht der Großvater von Pfarrer Martin Henninger im Ersten Weltkrieg an der Front in Frankreich genau in dieser Nacht im kleinen Örtchen Misery seinen Frieden mit Gott. "Das Blut Jesu Christi, des Sohnes Gottes, macht dich rein von aller Sünde", habe ihm eine Stimme aus der Ewigkeit zugerufen, schreibt er später. So wichtig ist ihm dieses Erlebnis, dass er es Jahre später in eine Predigt einarbeitet. Doch außer in dieser einen Nacht spricht der Großvater nicht über den großen Krieg. Henninger ist 24 Jahre alt, als sein Großvater stirbt.

Umso größer ist seine Neugier, als der Frankenthaler Pfarrer im Nachlass Feldpost seines Großvaters entdeckt. Eine Ansichtskarte aus dem Fronturlaub in Coucy 1916, aus dem Langeweile spricht, daneben unzählige Bezeugungen seiner Liebe zu Anne, Henningers Großmutter. "Ich habe beim Lesen das Gefühl gehabt, er entflieht der schrecklichen Wirklichkeit", sagt der Pfarrer. Die Realität ist eine andere. So schreibt Friedrich Hauß am 10. November 1918: "Ich kann Dir nicht sagen, wie in den meisten das Blut kocht. Dafür waren wir viereinhalb Jahre im Feld!"

Viereinhalb Jahre, in denen sich deutsche, französische und britische Soldaten, darunter etliche aus allen Ecken des Commonwealth, oft nur wenige hundert Meter voneinander entfernt gegenüberstehen. Tief haben sie sich in die Erde eingegraben, um dann beim nächsten Angriffsbefehl in das Maschinengewehrfeuer des Gegners zu rennen. Möglich, dass bei einem dieser Angriffe eine Dose deutscher Weltkriegskekse in die Hände eines englischen Soldaten fällt. Wie auch immer - er hinterlässt die Kekse, seine Soldatenmarke und ein Hufeisen seinem Enkel: David Pickering.

Fast 100 Jahre vergehen, bis Martin Henninger und sein Freund, Pfarrer David Pickering aus der Kirchengemeinde Andrew's Roundhay im nordenglischen Leeds, feststellen, dass jeder von ihnen einen Großvater hatte, der einst an der Somme kämpfte - und überlebte. Den Plan, sich auf deren Spuren zu begeben, fassen sie noch am selben Abend. Und so blicken sie im Frühjahr dieses Jahres auf das Tal, in dem Pickerings Großvater gegen den Wald von Mametz vorrückte, rechts und links den Stellungen der Deutschen wehrlos ausgesetzt. 

Sie sehen das wiederaufgebaute Herrenhaus in Misery, in dem Henningers Großvater mit sich und Gott haderte. Gedenkstätten und Museen besuchen sie, stehen schließlich am Grab, in dem Pickerings Großonkel beigesetzt ist. Und sie sehen Granattrichter und Schützengräben in Beaumont-Hamel, wo Tausende Briten aus Neufundland einst ihr Leben ließen. Heute bringen dort junge Erwachsene aus Neufundland als Freiwillige für sechs bis acht Wochen Besuchern das Grauen nahe.

"Das alles zu sehen, hat mich mehr beschäftigt als alles Gelesene", sagt Henninger. Und so sind die Eindrücke der Pilgerfahrt Teil eines Buches zum Ende des Ersten Weltkriegs geworden. Seit 2014 haben sich Mitglieder der United Reformed Church und der pfälzischen Landeskirche, seit 1957 durch eine offizielle Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft verbunden, Gedanken gemacht über Krieg und Versöhnung. Darunter ist auch ein Lied, das Henninger und Pickering an der Somme gedichtet haben. "Youth no more to war be lost" heißt es darin: Damit keine Jugend mehr im Krieg verloren geht.

"Wir haben seit dem Zweiten Weltkrieg mit Mühe gelernt, Meinungsverschiedenheiten auszuhandeln", sagt Henninger. Das sei zwar mühsam, aber demokratische Prozesse seien die beste Kriegsprävention, sagt der Pfarrer. "Dass sich viele dieser Mühe nicht mehr unterziehen wollen, macht mir Sorgen." Und so würde Henninger seinem Großvater heute andere Fragen stellen als damals: Der Frieden mit Gott sei ja nur eine Seite, sagt er. "Aber was können wir tun für den Frieden unter den Menschen?" Für Henninger ist es die Partnerschaft mit der englischen Kirche - gerade jetzt, wo der Brexit den Menschen dort Angst macht. Angst auch vor einem wachsenden Nationalismus - 100 Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs.