28.12.2018

Kieler Ökonom Snower für Wiedereinführung der Wehrpflicht

epd

Kiel/Berlin (epd). Der scheidende Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Dennis Snower, kritisiert die Abschaffung der Wehrpflicht in Deutschland. Dies sei mit Blick auf ihre gesellschaftliche Bedeutung ein Fehler gewesen, sagte der deutsch-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler der "Welt am Sonntag" (Online). "Wir haben lange die sozialen Effekte der Wehrpflicht und des Zivildienstes übersehen."

Junge Menschen hätten dabei viele Monate mit Personen aus einem anderen kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Umfeld zusammengearbeitet, sagte Snower. Das habe das Verständnis füreinander geschärft. Deshalb sollte es "wieder eine Dienstpflicht für alle geben, wobei jeder die Möglichkeit haben sollte, zwischen Wehrpflicht oder Zivildienst zu wählen."

Den Menschen in Deutschland sei ein Pflichtdienst zuzumuten, auch wenn sich dieser politisch vermutlich nur schwer durchsetze lasse, sagte der Ökonom. "Jeder hier in Deutschland hat viele Rechte und Deutschland ist in dieser Hinsicht international vorbildlich. Aber es kann keine Rechte geben ohne Pflichten und jeder von uns hat Verantwortung gegenüber dem eigenen Land."

Mit Blick auf die Zukunft der Gesellschaft äußerte sich Snower besorgt. "Viele Politiker erwarten, dass viele Menschen in den kommenden Jahren ihre Jobs an Roboter und Algorithmen verlieren werden und wollen die Betroffenen durch ein garantiertes Grundeinkommen ruhig halten. Aber das wird die Unzufriedenen nicht ruhigstellen", sagte er. Snower: "Ich erwarte, dass es deshalb große soziale Konflikte geben wird; größere als sie die Bundesrepublik bisher gesehen hat."

Den Menschen fehle in der Globalisierung zunehmend das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein, so Snower weiter. Das treibe sie in die Arme von Populisten. Eine Möglichkeit gegenzusteuern sei die Wiedereinführung der Wehrpflicht. "Ein Weg etwas mehr Gemeinschaftsgefühl zu schaffen, wäre, einen verpflichtenden Zivildienst für alle jungen Menschen, gleich ob Mann oder Frau, einzuführen", sagte der Ökonom.