07.09.2018

Frust macht radikal

Karsten Packeiser
epd

Mainz (epd). Manchmal kommen die Anrufe von Lehrern, denen auffällt, wie ein Schüler sich plötzlich verändert. Oder es melden sich Eltern, deren Tochter zum Islam konvertiert ist, einen komplett neuen Freundeskreis aufgebaut hat und jetzt islamisch heiraten will. Gelegentlich schickt sogar die Bewährungshilfe junge straffällige Muslime direkt zum Gespräch. 

Die Erkenntnis, dass viele von der Terrororganisation "Islamischer Staat" rekrutierte Kämpfer zuvor zu salafistischen Gruppen gehört haben, hat Behörden bundesweit alarmiert. Auch Rheinland-Pfalz richtete Anfang 2016 einen Anlaufpunkt zum Thema ein - die Beratungsstelle "Salam". Das vierköpfige Team versucht, die Radikalisierung junger Muslime zu verhindern, es geht Warnhinweisen nach und sucht das Gespräch mit den Betroffenen. 

Im Rampenlicht stehen der pädagogische Leiter von "Salam", Felix Eitel, und seine Mitarbeiter nur ungern. Ganz im Gegenteil: Die Namen der "Salam"-Berater dürfen nicht öffentlich genannt werden, ebenso die Adresse, an der sich ihre Büros befinden. Worüber sie mit den mutmaßlichen Islamisten und ihren Angehörigen sprechen, bleibt vertraulich. Nur, wenn Straftaten im Raum stehen, müssen auch die Sicherheitsbehörden eingeschaltet werden.

Aber längst nicht jeder Schüler, der im Unterricht einmal durch provokante Sprüche auffalle, müsse sofort wie ein Radikaler behandelt werden, sagt einer der Berater, ein junger schlanker Mann mit Vollbart und großen Brillengläsern, von der Ausbildung her Islamwissenschaftler. Zum Team gehören auch noch eine Politologin und ein weiterer Mitarbeiter, der selbst Muslim ist. 

Das Landesjugendamt, das seit 2017 für "Salam" zuständig ist, sieht Parallelen zwischen der Arbeit mit Islamisten und mit Rechtsextremisten. Aber es gibt auch klare Unterschiede. "Der Ausstieg aus der Szene ist für Islamisten nicht mit so hohen persönlichen Risiken verbunden wie im Rechtsextremismus", berichtet Eitel. Wer die Treffen von Salafisten nicht mehr besuchen wolle, müsse in der Regel mit Anrufen der Gruppe rechnen, aber keine Verfolgung fürchten. 

Im direkten Gespräch mit den möglicherweise radikalisierten jungen Leuten versucht "Salam" nicht, sie von ihrem Glauben abzubringen. Stattdessen geht es darum, sie mit alternativen Sichtweisen auf den Glauben zu konfrontieren. Wenn jemand beispielsweise keine Ausbildung beginnen wolle, weil die täglichen Gebete dann nicht mehr einzuhalten wären, könne ihm mit dem Hinweis eines anderen Muslims geholfen werden, dass Gebete sehr wohl nachgeholt werden können. 

Immer wieder haben die Berater auch mit Flüchtlingen zu tun, die sich erst in Deutschland radikalisieren. "Ich glaube, dass sie am Anfang oft gar nicht anfällig sind", sagt der Islamwissenschaftler. Rekrutierungsversuche der Salafisten in den Flüchtlingsheimen blieben fast immer erfolglos. Heikel werde die Situation aber, wenn es für die Flüchtlinge nicht mehr weitergehe, wenn sie keinen Aufenthaltstitel bekommen, keine Ausbildung machen dürfen: "Das ist der Moment, an dem bei vielen etwas passiert."

Seit dem Start betreuten die Berater 116 Fälle, rund die Hälfte davon drehte sich um Jugendliche unter 18. Für die Mainzer Integrationsministerin Anne Spiegel (Grüne) steht fest: "Salam ist eine Erfolgsgeschichte." 

Da es nur selten zum totalen Bruch mit den alten Verbindungen kommt, fällt es den für die Beratung Verantwortlichen allerdings schwer zu definieren, wann sie eigentlich Erfolg haben. "Unser wichtigstes Ziel ist, dass Menschen der Gewalt entsagen, Gewalt weder anwenden noch akzeptieren", sagt Eitel. Falls möglich, sollen die "Klienten" auch aus salafistischen Kreisen gelöst werden.

Aber das gelingt längst nicht immer. Die Politologin aus dem "Salam"-Team erinnert sich an einen über lange Zeit betreuten Afghanen, der trotz Anerkennung beschloss, freiwillig nach Afghanistan zurückzukehren. Dort, befürchtet sie, könnte er vollends auf die falsche Bahn geraten: "Klar, gibt es die Fälle, wo man frustriert ist und denkt, es bewegt sich nichts weiter." 

Und dann sind da auch einige fanatische Menschen, von denen die Berater nie etwas erfahren. Mit dem jungen Afghanen aus Ingelheim, der in Amsterdam Ende August auf zwei US-amerikanische Touristen einstach, hatte "Salam" nie Kontakt.