30.12.2018

Friedenspfarrer: Rüstungsfirmen brauchen staatliche Kontrolle

Judith Kubitscheck
epd

Stuttgart (epd). Pfarrer Joachim Schilling, Beauftragter der Evangelischen Landeskirche in Württemberg für Friedensarbeit, will mehr staatliche Kontrolle über Rüstungsfirmen. Teile der Rüstungsfirmen sollten verstaatlicht werden, um den Export besser kontrollieren zu können, sagte er in einem Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst. Es brauche zudem "ein klareres Exportverbot von Kriegswaffen". 

Der Staat könnte auch Teile von Waffenfirmen erwerben und dann über die Aufsichtsräte darauf hinwirken, dass die Firmen sich nicht allein auf die Waffenproduktion ausrichten, sagte der Theologe. Das gelte vor allem für die Kleinwaffenproduktion. "Von Deutschland soll Frieden ausgehen, doch wir binden in der Waffenproduktion Arbeitskräfte, die an anderer Stelle volkswirtschaftlich gesehen dringend gebraucht werden." Weiter sagte er: "Und wir zerstören andere Volkswirtschaften, indem diese durch Waffenkäufe in Schulden getrieben werden." 

Mit Bezug auf die Jahreslosung 2019 der christlichen Kirchen, "Suche Frieden und jage ihm nach", sagte Schilling, Frieden lasse sich nicht herbeizwingen. Aber es gebe Bedingungen, unter denen er gedeihen kann. Dazu gehöre, dass Menschen von ihren eigenen Ängsten wegschauen. Jesus Christus habe den Menschen die Vision eines gewaltfreien und von Frieden geprägten Reiches Gottes geschenkt.

Pädagogen könnten friedenspädagogisch mehr geschult werden, sagte er. In den Kirchenbezirken könnten sich Expertenkreise in Sachen Frieden entwickeln und auch in der kirchlichen Ausbildung sollte das Thema stärker verankert sein, regte er an. Die Kirche dürfe zur zunehmenden Militarisierung auch des Denkens nicht schweigen. 

Das Interview im Wortlaut:

epd: Vor uns liegt ein neues Jahr: Was kann jede Einzelne, jeder Einzelne in unserer Gesellschaft dazu beitragen, dass es ein friedliches Jahr wird? 

Joachim Schilling: Wir können Frieden nicht machen, herbeizwingen oder herbeibomben! Aber wir können Rahmenbedingungen schaffen, dass sich Friede ereignen kann - Friede mit Gott, mit mir selber, mit anderen Menschen und auch ein friedlicher Umgang mit der Schöpfung. Dem guten Ziel Frieden können wir nachjagen, indem wir ablassen vom Bösen und wegschauen von unseren Ängsten. Letztlich geht es darum, Jesus nachzufolgen, der für Christen der Friede ist und uns die Vision eines gewaltfreien und von Frieden geprägten Reich Gottes geschenkt hat.

epd: Sie sind Pfarrer für Friedensarbeit. Wie kann aus Ihrer Sicht Kirche friedensstiftend wirken und - wie es in der Jahreslosung 2019 heißt - "dem Frieden hinterherjagen" (Psalm 34,15)? 

Schilling: In Gebeten bitten wir um Frieden - im Segen und im Abendmahl wird er uns zugesprochen. Um ihn in äußeren Verhältnissen zu wahren, könnten Pädagogen friedenspädagogisch mehr geschult werden. Es könnten Arbeitskreise in den Kirchenbezirken entstehen, die als Expertenkreise in Sachen Frieden agieren. Auch in der kirchlichen Ausbildung sollte das Thema mehr verankert sein. 

Im Moment höre ich wenig kirchliche Stimmen, die sich gegen das Zwei-Prozent-Ziel der Aufrüstungsbefürworter stellen und die zunehmende Militarisierung Europas kritisch hinterfragen. Jesus zwang durchaus seine Jünger nicht auf einen pazifistischen Weg, sondern lud sie ein, diesen Weg mitzugehen. Bei seiner Verhaftung in Gethsemane ermöglichte er seinen Jüngern, sich durch die zwei vorhandenen Schwerter notfalls mit Gewalt etwas gegen eine Übermacht zu verteidigen, um so eventuell entkommen zu können. Für sich selber wollte er diese zwei Schwerter nicht eingesetzt wissen. Gerade die zwei Schwerter zeigen, dass eine unbegrenzte übermäßige Aufrüstung von Jesus nicht gewollt sein kann. Wenn Kirche zu der gegenwärtigen zunehmenden Militarisierung - auch des Denkens! - schweigt, wird sie ihrem Auftrag nicht gerecht.

epd: Nach wie vor exportiert Deutschland Waffen - und schürt damit Konflikte an. Was ist Ihre Haltung dazu? 

Schilling: Wir brauchen ein klareres Exportverbot von Kriegswaffen. Mit unserem württembergischen Landesbischof bin ich der Meinung, dass Teile der Rüstungsfirmen verstaatlicht werden müssen, um den Export besser kontrollieren zu können. 

Falls das nicht möglich ist, könnte vielleicht überlegt werden, wie Teile von Waffenfirmen erworben werden könnten. So könnte über die Aufsichtsräte darauf hingewirkt werden, dass Firmen sich nicht allein nur auf die Waffenproduktion ausrichten. Das gilt vor allem für die Kleinwaffenproduktion. Von Deutschland soll Frieden ausgehen, doch wir binden in der Waffenproduktion Arbeitskräfte, die an anderer Stelle volkswirtschaftlich gesehen dringend gebraucht werden. Und wir zerstören andere Volkswirtschaften, indem diese durch Waffenkäufe in Schulden getrieben werden.