11.03.2018

Der hilflose Weltbürger

Jan Dirk Herbermann
epd

Genf (epd). Perfekt sitzender dunkelblauer Anzug, blütenweißes Hemd mit dezenter Krawatte, der goldene Siegelring blitzt auf dem kleinen Finger der linken Hand. Der weißhaarige Staffan de Mistura gibt wie immer äußerlich eine gute Figur ab. Er, der Sondergesandte der Vereinten Nation für Syrien, kommt gerade von einer Sitzung im UN-Gebäude in Genf über die katastrophale humanitäre Lage in dem Bürgerkriegsland. "Es ist sehr schlimm", murmelt der italienisch-schwedische Doppelbürger de Mistura. 

Angesichts des Leidens, des Hungers der Kinder, Frauen und Männer sagt der 71-jährige aber auch: "Wir können uns den Luxus, aufzugeben, einfach nicht leisten." Es ist März 2018, genau sieben Jahre nach Beginn des Konflikts im März 2011. Der damalige friedliche Protest einfacher Bürger gegen die Willkür des Assad-Regimes eskalierte in ein grauenhaftes Blutbad, der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge, Filippo Grandi, spricht von einer "gewaltigen menschliche Tragödie": Hunderttausende Tote, mehrere Millionen Flüchtlinge und das Land liegt in Trümmern. Und zu Beginn des achten Jahres des Krieges scheint eine politische Lösung weiter entfernt als je zuvor.

Alle Versuche der Vereinten Nationen, die Gemetzel zu stoppen, scheiterten. Und niemand symbolisiert die Hilflosigkeit der Weltorganisation mehr als Staffan de Mistura. Der stets gefasst wirkende Gentleman müht sich seit 2014, das arabische Land zu befrieden. In den vergangenen zwei Jahren brachte er eine Reihe von Syrien-Konferenzen in Genf zustande. Der Rückendeckung des UN-Apparates konnte sich de Mistura immer sicher sein. "Wir wollen den Erfolg der Genfer Konferenz", betonte Generalsekretär António Guterres im vergangenen Jahr. 

Doch schon vor der ersten Genfer Tagung Anfang 2016 prophezeite de Mistura es werde "ein sehr, sehr hartes Stück Arbeit". Niemand solle auf rasche Ergebnisse hoffen. Er sollte Recht behalten.

Die Unterhändler des Regimes von Machthaber Baschar al-Assad und der verschiedenen Oppositionsbündnisse trafen sich bislang nicht einmal in einem Raum zu konkreten Verhandlungen. Der ehrliche Makler de Mistura musste Nachrichten zwischen den Todfeinden hin und her tragen. Die Shuttle-Diplomatie brach immer wieder zusammen.

Statt miteinander zu reden, beleidigten sich die Syrer gegenseitig - und beschuldigten de Mistura. Während der Oppositionelle Riad Hidschab dem Sondergesandten vorwarf, sich in die "Auswahl" der Delegation des Widerstands einzumischen, giftete Assads Botschafter Baschar al-Dschaafari: "De Mistura untergräbt den gesamten Verhandlungsprozess." Was war geschehen? Der UN-Sondergesandte hatte es gewagt, freie Wahlen für Syrien zu fordern. 

De Mistura kam 1947 als Sohn einer Schwedin und eines geflohenen italienischen Adeligen in Stockholm zur Welt. Nach Jesuitenschule und Politik-Studium in Rom heuerte er 1971 bei den Vereinten Nationen an. In einem seiner ersten Einsätze verteilte er Essensrationen im Sudan. In den 90er Jahren erlebte er als UN-Diplomat die Wirren der Krieg im Ex-Jugoslawien.

Herausragend waren de Misturas Positionen als Repräsentant des UN-Generalsekretärs im Libanon, als Leiter der UN-Missionen im Irak und in Afghanistan. Zudem war er Staatssekretär im italienischen Außenministerium. Neben Italienisch und Schwedisch parliert der Weltbürger Englisch, Französisch, Spanisch und Deutsch. Während seiner Zeit im Orient eignete sich de Mistura auch Arabisch-Kenntnisse an - ein Plus für den Syrien-Sondergesandten.

Doch der UN-Vermittler hat keine reale Macht, er kann Syriens Kriegsherren nicht drohen, er kann sie nicht zu Kompromissen zwingen. De Mistura kann nur auf die Vernunft der Parteien hoffen. Doch die Vernunft ist in Syrien gestorben. Das mussten schon de Misturas zwei Vorgänger als Syrien-Gesandten der UN feststellen. Beide, Kofi Annan und Lakhdar Brahimi, traten entnervt zurück. Staffan de Mistura hält durch - noch.