10.06.2018

Befristete Waffenruhe in Afghanistan

epd

Kabul (epd). In Afghanistan weckte eine von den Taliban verkündete Waffenruhe Hoffnung auf einen neuen Friedensprozess. In einem außergewöhnlichen Schritt hatten die aufständischen Islamisten Samstag eine dreitägige Waffenruhe angekündigt, wie afghanische Medien berichteten. Es ist das erste Mal seit dem Beginn des Konfliktes 2001, dass die Taliban eine Kampfpause ausgerufen haben. 

Die Entscheidung sei getroffen worden, um "die Tage und Nächte des Id-Festes für die Menschen in Afghanistan froh zu machen", erklärten die Taliban in einer Stellungnahme. Das Fest beginnt um den 15. Juni herum. Die Ankündigung der Islamisten ist eine Reaktion auf die von der afghanischen Regierung verkündete befristete Waffenruhe.  Präsident Aschraf Ghani hatte am Donnerstag eine einseitige Waffenruhe vom 12. bis 19. Juni erklärt. In diesem Zeitraum wird auch das Ende des islamischen Fastenmonats Ramadan gefeiert, der als Zeit des Friedens und der Versöhnung gilt.

Ghani unterstrich am Sonntag erneut, dass die afghanische Regierung an einer politischen Lösung des fast 17-jährigen Konfliktes interessiert sei. In den vergangenen Monaten hatte eine Friedensbewegung im Süden Afghanistans, der Heimat der Taliban, für Aufsehen gesorgt. Tausende Afghanen hatte sich dem sogenannten "Helmand-Friedensmarsch" angeschlossen, einer Bürgerinitiative, die mit Hungerstreiks und anderen Protestformen ein Ende des Blutvergießens forderte. Die Demonstranten appellierten an die Aufständischen wie die Regierung, die Spirale der Gewalt zu durchbrechen und Frieden zu schließen.  

Es blieb zunächst unklar, wann die Waffenruhe der Taliban beginnen soll. Die Kampfpause der Taliban gilt nur für die afghanische Seite und soll sich nicht auf ausländische Soldaten erstrecken. Zwar hat die Nato Ende 2014 die Kampfmission am Hindukusch beendet, doch allein die USA haben noch rund 14.000 Soldaten in Afghanistan stationiert.

Am vergangenen Montag hatte eine Großversammlung islamischer Religionsführer in Kabul erstmals einen religiösen Bannspruch, eine sogenannte Fatwa, gegen Selbstmordattentate verkündet und den Krieg in Afghanistan als unislamisch gegeißelt. Gleichzeitig sprachen sich die Teilnehmer für einen Waffenstillstand aus. Es war das erste Mal, dass eine solche Versammlung aus meist erzkonservativen Imanen in Afghanistan so klar Stellung gegen die Taliban und andere islamistische Terrorgruppen bezogen hatte. 

Als sich die Tagung mit etwa 2.000 Teilnehmern auflöste, sprengten sich Selbstmordattentäter am Veranstaltungsort in die Luft: Mindestens 14 Menschen wurden dabei getötet. Es ist bislang unklar, wer den Anschlag begangen hat. Neben den Taliban kämpfen auch andere aufständische Gruppen gegen die Regierung in Kabul, unter anderem "Daesh", ein Ableger des sogenannten Islamischen Staates.

Afghanistans Regierung hatte bereits im Februar den aufständischen Taliban Friedensgespräche mit weitreichenden Zugeständnissen angeboten. Präsident Ghani appellierte auch damals an die islamistischen Kämpfer, den 16 Jahre währenden Krieg zu beenden und schlug unter anderem vor, die Taliban als legitime politische Gruppierung anzuerkennen.

Die Verkündung des Waffenstillstands geschieht vor dem Hintergrund einer sich immer weiter verschlechternden Sicherheitslage im Lande. Die Taliban kontrollieren weite Teile des Landes. Allein in den vergangenen Monaten kamen bei mehreren Terroranschlägen in der Hauptstadt Kabul mehr als  200 Menschen ums Leben. Die Taliban weigern sich, an Friedensverhandlungen teilzunehmen, solange sich ausländische Truppen auf afghanischem Boden befinden.