16.10.2018

Badische Kirche plant Partnerschaft mit nigerianischer Friedenskirche

Leonie Mielke und Achim Schmid
epd

Karlsruhe (epd). Die Evangelische Landeskirche in Baden plant eine Partnerschaft mit der Friedenskirche "Kirche der Geschwister" ("Ekklesiyar Yan?uwa a Nigeria", kurz genannt EYN) in Nigeria. "Es ist wichtig zu zeigen: Ihr seid nicht vergessen", sagte Oberkirchenrätin Karen Hinrichs am Dienstag im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Hinrichs hatte zusammen mit ihrem Mann, Pfarrer Dietrich Becker-Hinrichs, die protestantische Kirche besucht. 

Die EYN habe sehr unter der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram gelitten, sagte Hinrichs. Fast zwei Drittel der Kirchenmitglieder seien in den Jahren 2014/2015 vor den Übergriffen Boko Harams geflohen, Tausende hätten ihr Leben gelassen. Derzeit habe sich die Terrorganisation in die Grenzregionen zu Kamerun und Niger zurückgezogen, sodass viele Menschen in ihre Dörfer zurückkehren konnten. Einige Gebiete seien aber immer noch unsicher.

Grundsätzlich bräuchten die Menschen in fast allen Bereichen materielle Hilfe. Es sei zudem nötig, dass mehr deutsche Firmen in Nigeria investieren, denn es werden dringend Arbeitsplätze gebraucht, sagte die Leiterin des Referates "Grundsatzplanung und Öffentlichkeitsarbeit" der badischen Landeskirche.

Die Theologin betonte, dass Boko Haram auch vor Muslimen keinen Halt gemacht habe. "Die Kirchenleitung der EYN hat uns gesagt, dass rund 80 Prozent der Opfer von Boko Haram Muslime sind. Es wurden Hunderte Moscheen zerstört und Hunderttausende Muslime vertrieben", erklärte Hinrichs. Das komme in der medialen Berichterstattung kaum vor. 

Das Verhältnis von Christen und Muslimen während der Angriffe sei sehr unterschiedlich gewesen, sagte die Oberkirchenrätin. Es habe Fälle gegeben, in denen die Muslime Christen vor den Angriffen warnten und umgekehrt. "Es gibt aber auch Beispiele, da wussten die Muslime im Dorf, dass ein Angriff geplant war, aber sie haben die christlichen Nachbarn nicht gewarnt", sagte Hinrichs. Das alles müsse nun bearbeitet werden und sei nicht leicht. Viele der nigerianischen Christen und Muslime, die sie getroffen habe, sagten aber auch, dass der Terror von Boko Haram nichts mit dem normalerweise in Nigeria gelebten Islam zu tun habe. "Es sind oft einfach kriminelle Banden, die durch Überfälle und Entführungen Geld erpressen", erklärte Hinrichs.

Die EYN ist eine kleine, aber wachsende Kirche mit rund 1,1 Millionen Mitgliedern, die vor allem im Nordosten Nigerias verbreitet ist. Sie betrachtet Friedensarbeit als einen zentralen Teil der Verkündigung des Evangeliums in Wort und Tat.

Das Interview im Wortlaut:

epd: Sie sind fast drei Wochen durch Nigeria gereist. Dort werden die Menschen seit bald zehn Jahren von der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram terrorisiert, entführt und erschossen. Relativiert eine solche Reise "unsere Probleme in Deutschland"? 

Hinrichs: Absolut, ja. Die "Kirche der Geschwister" ("Ekklesiyar Yan?uwa a Nigeria", kurz genannt EYN) ist eine kleine, aber wachsende Kirche mit rund 1,1 Millionen Mitgliedern, die vor allem im Nordosten Nigerias verbreitet ist. Sie gehört zu den Bevölkerungsgruppen, die am meisten unter Boko Haram gelitten haben. Fast zwei Drittel der Kirchenmitglieder mussten in den Jahren 2014/2015 vor den Übergriffen Boko Harams fliehen, Tausende haben ihr Leben gelassen. Wir haben entsetzliche Geschichten gehört. Auch die Kirchenleitung musste fliehen.  

epd: Wie ist die Situation jetzt?  

Hinrichs: Derzeit hat sich Boko Haram in die Grenzregionen zu Kamerun und Niger zurückgezogen, sodass viele Menschen in die Dörfer zurückkehren konnten. Einige Gebiete sind aber immer noch sehr unsicher. Überall sieht man noch Spuren der Zerstörung. 

epd: Wie sehen die Gottesdienste unter diesen Bedingungen aus? 

Hinrichs: Wir haben sehr lebendige und fröhliche Gottesdienste erlebt. Die Menschen strömen in ihren schönsten Kleidern herbei und die Kirchen sind rappelvoll. Die Gottesdienste dauern bei der EYN mindestens zwei Stunden und sind geprägt von viel Musik. Es gibt in jeder Gemeinde Chöre für alle Altersgruppen. Der Glaube an Jesus Christus ist für die Mitglieder der EYN eine Quelle der Kraft, eine Quelle der Hoffnung. Das sieht man auch daran, dass die Menschen, die in ihre Dörfer zurückgekehrt sind, trotz ihrer Armut als erstes die Kirchen repariert haben. Das ist nicht nur in der EYN so, sondern auch in anderen Kirchen. 

epd: Wie sieht die Friedensarbeit der EYN aus? 

Hinrichs: Für sie ist Friedensarbeit ein zentraler Teil der Verkündigung des Evangeliums in Wort und Tat. Eine Ausbildung in ziviler Konfliktbearbeitung ist Bestandteil der Pfarrerausbildung am Theologischen Seminar in Kwarhi. Überhaupt werden bei der EYN die verschiedenen Arbeitsfelder ganz stark aufeinander bezogen. So gehören die Arbeit in den Flüchtlingslagern und mit den Zurückgekehrten eng zusammen mit der Frauenarbeit und der Jugendarbeit, und ebenso die missionarische, die diakonische und die seelsorgerliche Arbeit. So sind zum Beispiel bald nach den Angriffen und der Vertreibung zehn Mitglieder der EYN-Kirchenleitung nach Ruanda gegangen, um sich dort zu Multiplikatoren in der Traumabearbeitung ausbilden zu lassen. Inzwischen gibt es viele Frauen und Männer, die denen zuhören können, die schwere Traumata erlitten haben. Außerdem geht es um handwerkliche und landwirtschaftliche Ausbildung und um Saatgut, damit die Menschen wieder selbst etwas anbauen können. 

Die EYN versucht auch, präventiv zu arbeiten und schon im Vorfeld zu verhindern, dass Konflikte eskalieren. So organisiert sie zum Beispiel in vielen Dörfern sogenannte Peace Clubs. Dort treffen sich die Dorfbewohner monatlich und überlegen, wie sie ihr Zusammenleben gemeinsam gestalten und Konflikte lösen können. Teils geht es um geklaute Hühner oder um niedergetretene Ernten. Oder es werden christlich-muslimische Fußballspiele und Feste organisiert, damit durch persönliche Begegnungen Feindbilder überwunden werden. Auch in den staatlichen Schulen versuchen die Lehrerinnen und Lehrer der EYN, die Kinder von Anfang an zu gegenseitigem Verständnis und Toleranz zu erziehen. Das wird leider nicht in allen Regionen des Landes von den politisch Verantwortlichen unterstützt.  

epd: Wie ist die Situation der Flüchtlinge? 

Hinrichs: Wir haben in Yola, in Gurku und in Pegi drei Flüchtlingscamps besucht, die die EYN mitorganisiert. Die Flüchtlingscamps in Nigeria darf man sich nicht als Zeltstädte vorstellen. Meist wohnen die christlichen und muslimischen Binnenflüchtlinge in einfachsten Wellblechhütten in Flüchtlingsdörfern zusammen. Die Infrastruktur ist sehr unterschiedlich. Es gibt welche, in denen es eine gut ausgestattete Schule und sogar einen Kindergarten gibt, in anderen findet der provisorische Unterricht unter Palmendächern statt. Die medizinische Versorgung ist leider oft nicht gut. Ich habe in einem Camp eine Apotheke gesehen, da war weniger drin als in unserer Hausapotheke. Unfassbar.

Auf jeden Fall gehört es zur Friedensarbeit der EYN, in ihren Camps interreligiöse Schulen einzurichten. Also Schulen, in denen muslimische und christliche Schüler gemeinsam lernen, damit sie Freundschaften schließen können. Das halte ich für einen vorbildlichen Ansatz.  

epd: Sie sprachen gerade muslimische Binnenflüchtlinge an. Daran denkt man erstmal gar nicht, wenn es um Boko Haram geht. 

Hinrichs: Boko Haram hat vor Muslimen keinen Halt gemacht. Wir dürfen nicht vergessen, dass auch Hunderte von Moscheen zerstört und Hunderttausende von Muslimen vertrieben wurden. Die Kirchenleitung der EYN hat uns gesagt, dass rund 80 Prozent der Opfer von Boko Haram Muslime sind. Das kommt in der medialen Berichterstattung kaum vor. Ich würde gerne noch etwas zu dem Verhältnis zwischen Muslimen und Christen während der Angriffe von Boko Haram sagen. Uns wurde von ganz unterschiedlichen Situationen berichtet. Sei es, dass Muslime Christen vor den Angriffen gewarnt haben und sie gemeinsam die Flucht organisierten. Oder dass Christen Muslime versteckt haben und umgekehrt. Es gibt aber auch Beispiele, da wussten die Muslime im Dorf, dass ein Angriff geplant war, aber sie haben die christlichen Nachbarn nicht gewarnt. Das alles muss nun bearbeitet werden. Das ist nicht leicht.

Viele der nigerianischen Christen und Muslime sagten uns, dass der Terror von Boko Haram nichts mit dem dort normalerweise gelebten Islam zu tun habe. Es sind oft einfach kriminelle Banden, die durch die Überfälle und durch Entführungen Geld erpressen. Zur Zeit sind es eher die Konflikte zwischen Viehhirten und Bauern, die Allen große Sorgen bereiten. Durch den Klimawandel werden sich diese Konflikte noch verschärfen. Aber es gibt auch ein Gegensteuern, zum Beispiel durch die beiden interreligiösen Zentren für Mediation in Kaduna im mittleren Norden, die wie die EYN eine bewundernswerte Arbeit leisten. Von dort aus entsteht gerade ein Netz von ehrenamtlichen" Friedensbeobachtern" in den Dörfern, die geschulte Konfliktmediatoren anfordern können, wenn sie es für nötig halten. Sie sehen, es gibt in Nigeria nicht nur Gewalt und Spannungen. Es gibt auch viele Hoffnungsgeschichten. 

epd: Erzählen Sie uns eine? 

Hinrichs: Wir haben zum Beispiel in Kaduna die Abschlussfeier einer Schneiderinnen-Ausbildung besucht. 30 junge Witwen, deren Männer durch Boko Haram Angriffe starben, haben jetzt eine berufliche Existenz. Das ist eines von vielen Projekten der EYN, die unter anderem von Mission 21 unterstützt werden, der früheren Basler Mission. Vorbildlich finde ich auch die Gründung der EYN-Mikrofinanzbank in Jimeta, die vor kurzem durch die amerikanische Partnerkirche Church of the Brethren eingerichtet wurde. Sie unterstützen lokale Projekte, zum Beispiel von Frauenkooperativen, mit kleinen Krediten und helfen beim Wiederaufbau.  

Einfach herzerwärmend ist das "Engel-Projekt", das in einigen Schulen von der EYN durchgeführt wird. In beiden Religionen kennt man ja Engel. Darum wird für ein paar Monate ein muslimischer Schüler heimlicher "Schutzengel" eines christlichen Mitschülers und umgekehrt. Die Aufgabe des Schutzengels ist es, dem Schützling jedem Monat eine Freude zu machen, wie beim "Wichteln". Manche schenken eine Kleinigkeit, vielleicht einen Stift oder eine Frucht. Als sehr cool gilt in Nigeria auch Cola. Oder dem Schutzengel fällt auf, dass sein Schützling Angst vor einer Prüfung hat und schreibt einen ermutigenden Brief. Irgendwann wird dann das Geheimnis gelüftet, und oft ist das Erstaunen groß, dass ein "Andersgläubiger" so freundlich und einfühlsam sein kann. So werden Freundschaften zwischen den Jugendlichen gestiftet. Das kann die gesamte Atmosphäre in einer Schule verändern. Ich denke, dieses Konzept könnte auch in unseren Schulen ausprobiert werden. Zum Beispiel dort, wo viele Kinder mit Migrationshintergrund sind.  

epd: Wie können wir den Menschen in Nigeria helfen? 

Hinrichs: Sie brauchen natürlich in fast allen Bereichen materielle Hilfe. Aber sie wissen dort selbst am besten, wo unsere Spenden sinnvoll eingesetzt werden. Darum ist die Arbeit von Mission 21 so wichtig, die mit den Partnern vor Ort nachhaltige Projekte entwickeln. Genauso wie die kirchliche Entwicklungszusammenarbeit durch die Diakonie Katastrophenhilfe und Brot für die Welt. Darüber hinaus halte ich es für nötig, dass mehr deutsche Firmen in Nigeria investieren, denn es werden dringend Arbeitsplätze gebraucht. Aber Unterstützung durch unsere Fürbitte und menschliche Solidarität sind vielleicht das Wichtigste. Wir haben bei unserer Besuchsreise viel Dank dafür gehört, dass wir in die Gemeinden gekommen sind und den Kontakt zu unseren christlichen Geschwistern halten, auch im Gebet. Wir haben viel von ihnen gelernt. Es ist wichtig, zu zeigen: Ihr seid nicht vergessen!