23.08.2017

Militärpfarrer im Wahlkampf

Judith Kubitscheck
epd

Reutlingen/Sigmaringen/Stuttgart (epd). Pascal Kober ist evangelischer Militärseelsorger mit politischen Ambitionen für den Bundestag: Seit vier Jahren betreut er in Stetten am kalten Markt und Pfullendorf (Landkreis Sigmaringen) insgesamt 3.800 Soldaten und ist für Gottesdienste, Seelsorge und den Lebenskundlichen Unterricht zuständig, in dem ethische Fragen diskutiert werden. "Dort mache ich deutlich: Wir foltern nicht, wir töten keine Zivilisten. Denn wenn wir mit diesen Mitteln kämpfen, die gegen unseren Wertekonsens sind, bekämpfen wir eigentlich uns selbst", sagt er. 

Zuvor war er bereits vier Jahre Bundestagsabgeordneter für die FDP gewesen. Ins Parlament kam er genauso überraschend hinein, wie er auch wieder hinauskatapultiert wurde: Nach einer schnellen Karriere in der Landespartei kandidierte Pascal Kober 2009 und gelangte aufgrund des Wahlerfolgs seiner Partei von insgesamt 14,6 Prozent über die Landesliste in den Bundestag. Weil die FDP vier Jahre später dann an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterte, war seine Karriere als Berufspolitiker wieder beendet. 

Doch die politischen Kontakte bestehen weiter. Das erklärt auch, warum bei seiner Einsetzung zum Militärpfarrer Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) anwesend war, die der FDP-Politiker trotz "manchem politischen Dissens" persönlich sehr schätzt. Beispielsweise kritisiert er die Werbekampagne des Militärs, die seiner Meinung nach zu sehr ihren Schwerpunkt auf Abenteuer, technische Möglichkeiten und Karriere setzt. "Damit kann man jede Armee der Welt und jede Söldnertruppe bewerben." Er wünsche sich etwas mehr "Grundgesetzpathos", da die Soldaten nicht den Wohlstand und das Überleben des Deutschen Volkes verteidigten, sondern das "Recht und die Freiheit".  

"Unglaublich eindrücklich und prägend" waren für den 46-Jährigen die zwei Auslandseinsätze, bei denen er als Militärseelsorger die Deutsche Truppe in Mali für mehrere Monate begleitete. Die deutschen Soldaten seien nicht direkt am Kampf gegen die islamistischen Terroristen beteiligt gewesen. Doch sie hatten Verletzte und Tote aus den Gefechten zu bergen. "Da rückt der Ernst der Lage sehr nah ans Lager." 

Diese Eindrücke sowie das monatelange Fernsein von zu Hause habe die Soldaten religiöser gemacht, sind Kobers Erfahrung. Viele von ihnen tragen auf ihrer Haut in Form von Tattoos christliche Motive, was für Kober der Aufhänger für viele tiefe Gespräche gewesen sei. "Ich glaube, ich bin durch die existenziellen Erlebnisse in Mali nicht mehr derselbe Mensch wie früher. Ich bin noch dankbarer für mein Leben geworden", sagt er.

Mit radikalen friedensethischen Positionen, wie sie EKD-Reformationsbotschafterin Margot Käßmann vertritt, die eine Abschaffung der Bundeswehr nach dem Vorbild Costa Ricas verlangt, kann Pascal Kober nichts anfangen: "Noch gibt es in unserer Welt das Böse, von dem nur Gott uns erlösen kann, und solange das so ist, gibt es Gewalt, auf die wir reagieren müssen." 

Der FDP trat er mit 28 Jahren bei. Sie sei nicht antikirchlich, sondern vertrete die protestantischen Tugenden der Freiheit und Verantwortung, betont er. Als stellvertretender Landesvorsitzender und Mitglied im Bundesvorstand steht er nun an vierter Stelle auf der baden-württembergischen Liste - ein recht sicheres Ticket für den Bundestag.  

Sollte es bald wieder nach Berlin gehen, wird er mit Blick auf das Militär konkrete Forderungen mitnehmen: "Das Militär ist völlig überbürokratisiert", wegen mangelhafter Materialausstattung müsse viel improvisiert werden. Das will er ändern. Bei den wachsenden sicherheitspolitischen Aufgaben sollte außerdem über ein Europäisches Heer nachgedacht werden. 

Gerne würde Kober als Bundestagsabgeordneter wieder Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik machen. Damit Langzeitarbeitslose wieder im Arbeitsleben ankommen, spricht er sich für einen dauerhaft geförderten zweiten Arbeitsmarkt aus, in dem die Arbeitslosen wie in Werkstätten für Menschen mit Behinderung in einem unterstützenden Umfeld Arbeit für den ersten Arbeitsmarkt machen oder mit spezieller Betreuung in Betrieben arbeiten können.

Während seiner vierjährigen Amtszeit als Parlamentarier stand der FDP-Politiker 140 Mal im Plenarsaal am Rednerpult, so oft wie kein anderer. In den vergangenen vier Jahren hat er als Militärseelsorger diesen Rekord jedenfalls bereits selbst übertroffen und schon wesentlich mehr Predigten als Parlamentsreden gehalten. Diese durften allerdings oft nicht länger als sieben Minuten dauern. "Die Soldaten sind direkt, das schätze ich sehr. Da muss man sofort auf den Punkt kommen."