30.08.2017

"Manche sahen uns als Nestbeschmutzer"

epd

Schloß Holte-Stukenbrock (epd). Unter der Spätsommersonne wirkt der Friedhof mit den Rasenflächen und den Alleen fast idyllisch. An einer großen Tafel mit den vielen Namen streicht Werner Höner mit dem Finger entlang - so, als würde er jeden einzelnen Namen mittlerweile kennen. Die Grabsteine und Namenstafeln im ostwestfälischen Schloß Holte-Stukenbrock stehen für unsägliches Leid: Mehr als 65.000 überwiegend sowjetische Kriegsgefangene wurden in dem früheren Lager "Stalag 326" von Nationalsozialisten zu Tode gequält und in Massengräbern verscharrt. 

Damit diese Opfer nicht in Vergessenheit geraten, hat sich der Arbeitskreis "Blumen für Stukenbrock" gegründet. Er kümmert sich um die Gräber und setzt sich für die Aufarbeitung der Geschichte ein. Zugleich engagiert sich die Initiative für Versöhnung und Begegnung. Vor 50 Jahren lud die Gruppe engagierter Kriegs- und Faschismusgegner zu der ersten Kundgebung zum Antikriegstag auf dem Friedhof ein. 

"Ohne den Arbeitskreis hätte es keine umfassende Beschäftigung mit dem Lager und dem Friedhof gegeben", ist der Gründungsvorsitzende Höner sicher. Als die Arbeit begann, war der Friedhof verwahrlost, die Gräber waren zugewuchtert. Seit 1996 informiert in der Nähe des Friedhofs zudem ein Dokumentationszentrum über die Zustände im größten NS-Stammlager, das von 1941 bis 1945 rund 300.000 Menschen durchlaufen haben sollen. 

Die friedenspolitische Initiative konnte sogar Kontakte nach Russland zu Überlebenden knüpfen, die an den Mahnveranstaltungen teilnahmen. Der Arbeitskreis, der keine öffentlichen Mittel erhielt, sammelte auch Spenden, um Überlebende in der Sowjetunion zu unterstützen. "Blumen für Stukenbrock" dringt darauf, das Mahnmal, ein von Überlebenden errichteter Obelisk, wieder in seinen Ursprungszustand zu versetzen. Eine Glasplastik auf der Spitze mit der Fahne der UdSSR wurde in der Nachkriegszeit entfernt und durch ein orthodoxes Holzkreuz ersetzt. 

"Manche sahen uns als Nestbeschmutzer", erinnert sich Höner. Die Ehrung toter russischer Soldaten passte nicht in die Zeit des Ost-West-Konflikts. Kritiker hätten ihnen vorgeworfen, das Andenken der Wehrmacht in den Schmutz zu ziehen, sagt der 79-Jährige. Lange Zeit sei der Arbeitskreis wegen angeblicher kommunistischer Einflüsse auch vom Verfassungsschutz beobachtet worden. 

Den Vorwurf findet der 78-jährige Pfarrer Hans Jochen Schwabedissen noch heute absurd. Die Initiative war ein Zusammenschluss von Vertretern der Kirchlichen Bruderschaft Lippe, jungen Sozialdemokraten und Kommunisten. "Wir fragen nicht nach Parteizugehörigkeit", erklärt Schwabedissen, der damals als Studentenpfarrer der Evangelischen Kirche von Westfalen zu der Gruppe stieß. Nach anfänglicher Skepsis habe er auch von seiner Kirche viel Unterstützung für sein Engagement erhalten. 

Das Ziel der Gruppe war es, in der Zeit des Kalten Krieges eine Alternative zur Politik zu setzen. Dabei hätten sich die Aktivisten schnell darauf geeinigt, dass der Soldatenfriedhof in Stukenbrock nicht in Vergessenheit geraten dürfe, erzählt Höner, der damals junger Gewerkschafter war. Für jeden Toten auf dem Friedhof sollte als Zeichen der Versöhnung eine Blume nach Stukenbrock gebracht werden. "Das hat sich dann so eingebürgert, dass wir auch unter diesen Namen den Arbeitskreis gegründet haben", berichtet er.

Bereits bei der ersten Kundgebung im Jahr 1967 kamen auf dem Soldatenfriedhof rund 1.000 Menschen zusammen. In der großen Zeit der Friedensbewegung in den 70er und 80er Jahren wuchs die Teilnehmerzahl auf bis zu 5.000 an. 

Zu den Rednern und Unterstützern zählten der evangelischer Pastor und frühere Berliner Bürgermeister Heinrich Albertz (SPD), die SPD-Politikerin Heidemarie Wieczorek-Zeul, der Kirchenkritiker Eugen Drewermann und der Musiker Hannes Wader. Im Jahr 1989, vor dem Fall der Berliner Mauer, kam es dann sogar zu einem Besuch von Raissa Gorbatschow gemeinsam mit der Frau des damaligen Bundeskanzlers, Hannelore Kohl, und der Frau des damaligen NRW-Ministerpräsidenten, Christina Rau. 

Schließlich wurde das Engagement des Arbeitskreises im Jahr 2015 vom damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck gewürdigt. Das grauenhafte Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen sei in Deutschland nie angemessen ins Bewusstsein gekommen, sagte Gauck bei seinem Besuch des sowjetischen Ehrenfriedhofs. 

50 Jahre Engagement von "Blumen für Stukenbrock" hat sich nach Höners Überzeugung gelohnt. Selbst in der näheren Umgebung von Schloß Holte-Stukenbrock hätten im Jahr 1967 viele nichts über das Lager und den Friedhof gewusst. Auch in den Schulen sei nicht darüber gesprochen worden. "Das ist heute anders."