16.11.2017

"Mali ist nicht ganz einfach"

Elisa Makowski
epd

Frankfurt a.M. (epd). Bevor sie die Reise ins Camp Castor bei Gao in Mali antreten, heißt es für die Soldaten zunächst Abschied nehmen von Familie und Freunden: "Mali ist nicht ganz einfach", sagt einer recht gelassen in die unruhige Handkamera. Ein anderer: "Jetzt gibt's kein Zurück mehr." Es sei nie schön, sich zu verabschieden, sagt ein Dritter: "Das ist mein Job. Und mein Job verlangt, dass ich jetzt einmal die nächsten vier oder fünf Monate in Mali bin." 

Die Bundeswehr-Webserie "Mali" begleitet acht Soldatinnen und Soldaten bei ihrem Auslandseinsatz in dem westafrikanischen Land. "Echte Bundeswehrsoldatinnen und -soldaten, kein Skript, kein Drehbuch, kein Regisseur. Alles ist authentisch und tatsächlich so passiert", sagt ein Sprecher des Verteidigungsministeriums dem Evangelischen Pressedienst (epd). 

Mit der Serie, die Mitte Oktober gestartet ist, will die Truppe über den UN-Einsatz Minusma aufklären und um Nachwuchs bei der "Generation Youtube" werben. Die Serie wird insgesamt sechs Wochen lang täglich von Montag bis Donnerstag auf Youtube gezeigt. Produktion und Werbekampagne kosten laut Bundesverteidigungsministerium insgesamt 6,5 Millionen Euro.

Ein paar Wochen später, die Soldaten sind schon eine Weile in Mali, eine andere Folge: "Gao bei Nacht". Die Aufklärer, die Infos über Gegner oder Operationen sammeln sollen, kontrollieren die Ausrüstung. Alle sind zuversichtlich. "Wir sind so nachtkampffähig und besser ausgestattet wie die Einheimischen oder alle anderen, die hier in diesem Land sind, dass wir da schon den Vorteil haben", sagt ein Soldat mit grünem Gesicht und leuchtenden Augen in die Nachtsichtkamera. Dazwischen schnelle Schnitte, ein eigens für die Serie komponierter Titelsong und Dokumentarfilm-Ästhetik. 

Doch wie realistisch ist das Bild, das die Serie vom Auslandseinsatz in Mali zeichnet? An der UN-Mission Minusma beteiligt sich die Bundeswehr nach eigenen Angaben mit 950 Soldaten. Minusma gilt als einer der gefährlichsten Einsätze von Blauhelmen. Im Juli kamen auch zwei deutsche Soldaten bei einem Hubschrauber-Absturz ums Leben, der auf einen technischen Defekt zurückging.

"Mali" sei ein "Werbefilmchen", kritisiert Hans-Georg Ehrhart, Friedens- und Konfliktforscher. Zwar gebe es ein Video-Spezial zum Auslandseinsatz, doch in den einzelnen Clips werde nicht erwähnt, wie risikoreich der Einsatz sei. "Das hätte man fairerweise sagen sollen", sagt Ehrhart. 

Doch bei der Zielgruppe kommt "Mali" anscheinend gut an: Schon jetzt sehe man ein gestiegenes Interesse am Arbeitgeber Bundeswehr, die Karriereseite werde gerade zehn Mal so häufig besucht wie vor Serienstart, sagt ein Sprecher des Verteidigungsministeriums. Schon einmal hatte die Bundeswehr mit einer erfolgreichen Webserie junge Soldaten angeworben: "Die Rekruten" war im Herbst 2016 gestartet und zeigte in 90 Folgen die Entwicklung von zwölf jungen Frauen und Männern in der Grundausbildung nach. Erst kürzlich gewann die Serie den "Effie Grand Prix" als beste PR- und Werbe-Kampagne. 

Sigurd Rink, evangelischer Militärbischof, schaut "Mali", wann immer er Zeit findet. "Die Serie gefällt mir gut", sagt Rink dem epd. Man treffe den richtigen Ton. "Das sind keine Spaß-Videos, sondern ernstzunehmende Berichte: von den extremen klimatischen Bedingungen, vom Aufeinander-Angewiesen-Sein im Feldlager und davon, wie es sich anfühlt, auf UN-Mission in einem völlig fremden und recht kargen Land zu sein."

Konfliktforscher Ehrhart findet die Serie dagegen zu kleinteilig: Zwar würden das beengte Lager und die harten Bedingungen gezeigt, jedoch gebe die Serie kaum Überblick über die komplizierte, politische Situation - über beteiligte Akteure wie Regierung oder Milizen. Generell sehe er den Auslandseinsatz skeptisch, weil die Lage unübersichtlich sei und das politische Ziel überambitioniert. "Und die Bundeswehr ist mittendrin." 

Militärbischof Rink beobachtet, dass Bundeswehrsoldaten nicht unbedingt mehr über Rahmenbedingungen und sicherheitspolitische Überlegungen ihrer Mission erfahren als die Daheimgebliebenen - "manchmal sogar weniger." Die Gesellschaft dürfe deshalb nicht müde werden zu fragen, ob das Engagement in Mali sinnvoll sei. "Die Videos zeigen uns Menschen, denen wir diese Antwort schulden."