22.01.2017

Konfliktpotenzial von Religionen begrenzen

Jens Bayer-Gimm
epd

Frankfurt a.M. (epd). Ein Forschungsprojekt der Universitäten Frankfurt am Main und Gießen will eine Grundlage für einen fruchtbaren Dialog der Religionen finden. Konflikte mit einer religiösen Dimension nähmen weltweit zu, sagte der Direktor des Frankfurter Instituts für Religionsphilosophische Forschung, der Theologe und Judaist Christian Wiese, dem Evangelischen Pressedienst (epd). Einwanderungsgesellschaften müssten sich auf mehr Vorurteile und Ängste einstellen. Das interreligiöse und interdisziplinäre Forschungsprojekt "Religiöse Positionierung" wolle herausfinden, wie ein Dialog der Religionen zur Lösung von Konflikten beitragen könne.

Bisher gibt es nach den Worten von Wiese auf der einen Seite einen Absolutheitsanspruch von Religionen, der in einer missionarischen Haltung andere abwerte. Auf der anderen Seite gebe es Dialogkonzepte, die Unterschiede kleinredeten und Konflikte mit einem Konsenswunsch übertünchten. Das Projekt wolle dagegen eine Grundlage herausfinden, wie Religionsvertreter zugleich an ihrem Selbstverständnis festhalten und anderen mit Respekt begegnen können. So könnten sie Konflikte thematisieren und an einer Verständigung arbeiten.

Die Forscher gingen davon aus, dass Religionen zwar konflikthaft, aber nicht zwangsläufig pluralismusunfähig und destruktiv seien, sagte Wiese. Ausschlaggebend seien die politischen und kulturellen Bedingungen sowie die Haltung der Vertreter anderen gegenüber. Das Projekt versuche zu begründen, wie Religionen pluralismusfähiger werden können. Anknüpfungspunkte lieferten Überlegungen des russischen Literaturtheoretikers Michail Bachtin (1895-1975) zur Polyphonie von Wahrheiten und des in Wien geborenen Religionsphilosophen Martin Buber (1878-1965) zum Dialog.

Das vom Land Hessen mit knapp 4,5 Millionen Euro geförderte Projekt ist nach Wieses Angaben zunächst auf die Jahre 2017 bis 2020 begrenzt, ziele aber darüber hinaus. 13 teils historische, teils empirische Teilprojekte wirkten unter Beteiligung von christlichen und islamischen Theologen, Judaisten und Soziologen mit internationalen Partnern zusammen. Das Projekt suche außerdem in Kooperation mit der Bildungsabteilung im Zentralrat der Juden, der Evangelischen Akademie Frankfurt, dem katholischen Haus am Dom, der Bildungsstelle Anne Frank, der Landeszentrale für Politische Bildung und anderen den Austausch mit der Öffentlichkeit.