01.06.2017

Islamwissenschaftler: Religionen müssen Friedenspotenzial nutzen

epd

Tübingen/Bad Kreuznach (epd). Der deutsch-pakistanische Islam- und Politikwissenschaftler Muhammad Sameer Murtaza fordert von den Religionsgemeinschaften, mehr aus ihrem Friedenspotenzial zu machen. "Religion kann für Krieg und Gewalt, aber auch für den Frieden instrumentalisiert werden, das zeigt sich mit Blick auf die wechselvolle Geschichte", sagte Murtaza dem Themenheft "Debatte" der Evangelischen Kirche im Rheinland. "Eine Gemeinschaft muss also bestimmen, welches der beiden Potenziale das Primat in der Religion hat und dann für diese in der Welt einstehen."

"Wir erleben derzeit eine Welle der Gewalt, die im Namen des Islam ausgeübt wird", sagte Murtaza weiter. "Die Überwindung dieser Gewalt ist die größte Herausforderung für die Muslime in der Gegenwart." Dabei dürfe es keine Ausweichstrategien mit Antworten wie "Gewalt hat nicht mit dem Islam zu tun" geben, mahnte der Mitarbeiter vom katholischen Theologen Hans Küng gegründeten Stiftung Weltethos in Tübingen. "Mit solchen Sätzen vermeiden Muslime die Auseinandersetzung." 

Nötig sei vielmehr eine religionskritische Analyse - nicht nur im Islam, forderte Murtaza. "Taliban-Texte" gebe es nicht nur im Koran, sondern auch im Neuen und Alten Testament. Die Religionsgemeinschaften müssten lernen, mit solchen schwierigen Texten umzugehen, sagte der Bad Kreuznacher Wissenschaftler und Buchautor. Genauso enthielten diese Schriften aber auch Texte, in denen vom Frieden die Rede sei. 

Die Religionen sollten sich für einen höheren Stellen der Friedenserziehung einsetzen, die bereits im Kindergarten und der Schule beginnen müsse, sagte Murtaza. "Zudem sollten Friedensstifter der Religionen im Unterricht stärker thematisiert werden." Als Beispiel nannte Murtaza den islamischen Gelehrten Jawdat Said aus Syrien, der eine Ethik der Gewaltlosigkeit begründet habe, oder den indischen Friedensaktivisten Maulana Wahiduddin Khan. 

Nötig seien "Orte, an denen ein mündiger Glauben gelehrt und gelernt wird", sagte der Islamexperte. Leider gebe es in Deutschland bisher weder einen flächendeckenden muslimischen Religionsunterricht noch eine Imam-Ausbildung, "die eine historische Einordnung unserer Schriften und Traditionen leistet".

Das Themenheft "Debatte" ist ein Magazin der rheinischen Kirche, das unregelmäßig mit verschiedenen Schwerpunkten erscheint. Die aktuelle Ausgabe widmet sich dem Thema "Religion und Gewalt".